150 Jahre Flensburger Tageblatt : Tausende pilgern zum Wal am Strand

Falsche Peilung: Der Finn-Wal endete vor 104 Jahren in der Flensburger Förde und erregte damit überregional Aufmerksamkeit in Zeitungen und auf Postkarten (Foto).
1 von 3
Falsche Peilung: Der Finn-Wal endete vor 104 Jahren in der Flensburger Förde und erregte damit überregional Aufmerksamkeit in Zeitungen und auf Postkarten (Foto).

1911: Trauriges Ende für einen Meeressäuger vor Westerholz. Zwei Wochen lang starb das Tier einen langsamen Tod.

shz.de von
12. Mai 2015, 14:00 Uhr

Flensburg | Für Strandspaziergänger zwischen Langballigau und Westerholz ist er ein Blickfang – der sogenannte Walfisch-Stein in Höhe der Steilküste. Der Granitfindling markiert jene Stelle, an der einst ein knapp 20 Meter langer Finnwal strandete und damit zu einem Anziehungspunkt für tausende von Schaulustigen wurde, und gibt durch seine Inschrift Auskunft, wann dies geschah: 17.3.1911.

Die Tiertragödie spielte sich vor den Augen des Heimatdichters Georg Asmussen ab, der sich an der Küste von Westerholz ein Refugium eingerichtet hatte. „Auf der Sandbank lag hilflos der gestrandete Nordländer, und an seinem Riesenleib schäumten die Wogen der Ostsee“, so der Autor in einer literarischen Skizze, die er nach dem Ende der gut zwei Wochen andauernden „Westerholzer Wal-Affäre“ im Sonntagsblatt der Flensburger Nachrichten veröffentlichte.

Bereits Ende Februar 1911 war der Wal erstmals in der Eckernförder Bucht gesichtet worden. In den darauf folgenden Tagen tauchte er dort immer mal wieder auf. Mehrfach wurde von Gewehrschützen von Motorbooten aus auf ihn gefeuert. Daraufhin verließ der Meeressäuger gen Norden die Eckernförder Bucht und schwamm in Richtung Flensburger Außenförde.

Das Ende des Finn-Wals zeichnete sich ab, als er in der stürmischen Nacht zum 17. März in die Nähe der Sandbänke vor Westerholz und Osterholz geriet und dort strandete. „Was ihn veranlaßte, gerade unseren Strand als letzte Ruhestätte zu wählen – ich weiß es nicht“, so Georg Asmussen über das von weiten Teilen der Bevölkerung als sensationell empfundene Ereignis, „das die Zeitungen ganz Deutschlands beschäftigte“.

Landauf, landab wurde über Moby-Dicks Schicksal berichtet. Besonders dicht am Geschehen waren natürlich die Mitarbeiter der Flensburger Nachrichten, die ihre Leser Tag um Tag über das Ende des Wals und über die einsetzenden „Walfahrten“, die in großer Zahl „Sehleute“ nach Westerholz brachten, informierten. Sie alle kamen mit dem Dampfer, der Bahn, mit Pferdekutschen oder einfach zu Fuß. Sie wollten sich das Wal-Spektakel am Strand von Westerholz nicht entgehen lassen. Professionelle Fotografen waren ebenfalls vor Ort und boten ihre Aufnahmen vom Wal zum Kauf an. Auch Farbpostkarten kamen in den Handel und fanden reißenden Absatz. Die Angelner Gemeinde Grundhof druckte später Notgeldscheine mit Wal-Motiven. Mehrere überregionale Zeitungen, darunter auch die renommierte Berliner Zeitung, druckten den Text ab, den ein Korrespondent per Telegramm abgesetzt und an die Redaktionen geschickt hatte.

Zwei Küstenbewohner, die die Strandung als Erste beobachtet hatten, fuhren mit ihrem Boot zum verendenden Wal und „stießen zum Zeichen der Eroberung und des Eigentumsrechtes eine Heuforke in den mächtigen Leib und banden ein Taschentuch daran, eine Fahne darstellend“, wie in einer Ortschronik nachzulesen ist. Dann gaben sie drei Schüsse auf das Tier ab, legten ein Seil um eine Seitenflosse des Wals und verankerten es am Ufer. Die kaiserliche Marine in Flensburg-Mürwik schickte eine Pinasse nach Westerholz. Wie die Zeitungen berichteten, ging die Besatzung „dem Strandläufer mit einem Sprengschuß zu Leibe und brachte ihm die Todeswunde bei, so daß das Wasser sich weithin blutrot färbte“. Der wiederholt unternommene Versuch, den toten Wal-Koloss in den Hafen von Langballigau zu schleppen, misslang, „da das Dampfboot nicht imstande war, den gewaltigen Fischkörper über die Sandbank zu ziehen“.

„Am Sonntag, den 2. April, war der letzte Tag der Walfahrer, der letzte von Westerholz großen Tagen“, hielt Georg Asmussen in seinen literarischen Skizzen fest. Mitarbeiter einer Spezialfirma hatten damit begonnen, an Ort und Stelle den Tierkörper mit Messern, Beilen und Sägen zu zerlegen. Stücke von 40 bis 50 Pfund wurden unter den neugierigen Blicken von Besuchern heruntergeschnitten. Die Einzelteile wurden in Schuten verladen und nach Sonderburg transportiert, um dort in einer Knochenmehlfabrik verarbeitet zu werden.

An der Förde blieb die Walstrandung lange Zeit das Gesprächsthema Nummer eins. Erst langsam kehrte die altgewohnte Ruhe ein. Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde später unterhalb der bewaldeten Steilküste von Westerholz ein Walfisch-Stein platziert. Sogenannte Stein-Paten kümmern sich darum, dass die Inschrift und die Zeichnung, die einen Wal darstellt, bei Bedarf mit weißer Farbe aufgefrischt werden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen