Flensburgs Wohnquartiere : Tarup: Flensburgs letztes Bauerndorf

Hubert Ambrosius, Wif-Ratsherr, lebt am Nordostzipfel Tarups sehr ländlich . Foto: dommasch
Hubert Ambrosius, Wif-Ratsherr, lebt am Nordostzipfel Tarups sehr ländlich . Foto: dommasch

Weniger Stadt geht kaum in Flensburg: Ratsherr Hubert Ambrosius lebt in Tarup bis heute ausgesprochen ländlich

shz.de von
20. August 2011, 06:35 Uhr

Flensburg | Wer aus Flensburg Richtung Osten ins Ländliche flieht, landet direkt im Dorf, lange bevor er die Stadtgrenze erreicht. 200 Meter hinter der Osttangente überrascht Flensburg mit reetgedeckten Katen, Bürgerhäusern, Bauernhöfen entlang der Hauptstraße. Seitlich davon erzählen verschiedene Siedlungsgebiete die Geschichte einer ungeliebten Eingemeindung.

Die Umwandlung von einem Bauerndorf zur Vorstadt begann in den 50er und 60er Jahren. Das war die Zeit, in der sich die Taerbek das letzte Mal blicken ließ. Hubert Ambrosius erinnert sich noch genau an die großen Rohre, in die der Bach schließlich gelenkt wurde. Denn am neuen Taerbekweg entstand sein neues Elternhaus. Eine typische Flüchtlingsgeschichte jener Tage. Vater aus Oberschlesien, Mutter Adelbyer Pastorentochter. Siedlungshaus in Tarup. Eine sehr ländliche Kindheit mit bäuerlichen Freunden. "Wir waren fast nur im Wald unterwegs", erinnert sich der 52-Jährige.

Flensburgs wohl dörflichster Stadtteil war zu jener Zeit eigenständig und stark durch die großen landwirtschaftlichen Anwesen geprägt, die auch heute noch stehen. Was man zum Leben brauchte, gab es im Ort. Da, wo jetzt ein griechisches Restaurant betrieben wird, war der Schlachter - ein gern angelaufener Standort, weil es ab und zu mal ein Wiener Würstchen abzustauben gab.

Am Bäckerweg, der bis Ende der 60er Jahre besiedelt wurde, residierte Feinkost Seidel, ein Sparmarkt, aus dem später ein Kiosk wurde, und am Norderlück, wo heute das Gebäude des nachfolgenden Edeka-Marktes verfällt, stand einst das soziale Zentrum des Dorfes. Die Gaststätte "Tanneck", ein mächtiges Landgasthaus, das zu Ambrosius Zeiten aber schon das Beste hinter sich hatte. "Wir haben in der Ruine gespielt, bis sie abgerissen wurde. Dann kam da der neue Supermarkt hin. Das waren halt moderne Zeiten, damals."

Zentral blieb der Standort trotzdem. Ging man die dünn besiedelte Kreuzlücke hinunter, war zur rechten Hand die Residenz von Dorfsheriff Bäcker. Der hatte - Ambrosius erinnert sich mit kindlicher Freude - ein echtes Verlies im Keller. Ging man in Richtung Engelsby, traf man erneut auf ein markantes bäuerliches Gebäude zur rechten Hand. "Da wohnten die Armen", sagt Ambrosius. Ihre Versorgung war Gemeindesache, ein Bauer versorgte das "Pflegehaus" der Gemeinde, bis es im Zuge der Bebauung auch abgerissen wurde.

Arme gibt es in Tarup heute kaum mehr. Der Stadtteil wird im Flensburger Sozialatlas regelmäßig als eine der besten Adressen der Stadt geführt. Vielleicht ist das auch dem Umstand zu verdanken, dass es Tarup trotz seiner über Jahre heftig bekämpften Eingemeindung im Jahr 1974 bis heute geschafft hat, eine Insel zu bleiben. Das bereits im Mittelalter erwähnte Dorf ist von allen benachbarten Stadtteilen durch landwirtschaftliche Flächen getrennt. Mehr noch dürfte es aber daran liegen, dass Flensburg den neuen Stadtteil als bürgerliches Baugebiet etablierte. Bis in die 90er Jahre hinein entstanden südlich der Hauptstraße und nahe der Bahnlinie nach Kiel mit Struve Lücke neue Baugebiete.

Die Bahn ist Hubert Ambrosius bis heute treu geblieben. Als Kind klaubte er glühende Kohlen der Dampfloks von den Gleisen ("Damit haben wir in unserer Hütte den Ofen betrieben"); heute kämpft er mit den neuen Siedlern von Struve Lücke für einen beschrankten Bahnübergang am Rüllschauer Weg. So beschaulich wie die Tage in den 60er Jahren, als ein Dampflokführer in aller Ruhe anhielt, um die am Bahnübergang spielenden Jungs auszuzählen, sind die Zeiten auch in Tarup nicht mehr.

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