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Fest der Kulturen : Tanz, Musik und eine spontane Demo

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

14. Fest der Kulturen lockt fast 2000 Besucher ins Deutsche Haus / Ungeplantes Intermezzo auf der Bühne gehörten nicht zum offiziellen Programm

Wie viel Wert die Stadt Flensburg auf eine gelebte Willkommenskultur legt, zeigte sie beim diesjährigen Fest der Kulturen: Zu seiner 14. Ausgabe hatte die Kommune alle Bürger sowie explizit die 1200 Flüchtlinge eingeladen, die „im vergangenen Jahr unsere neuen Nachbarn geworden sind“. Statt in der auch früher bereits überfüllten Bürgerhalle wurde der Event erstmals im eigens angemieteten Deutschen Haus veranstaltet – trotz der Kosten eine gute Entscheidung: Denn alle Beteiligten waren sich einig, dass diese Location atmosphärisch und von der Größe her den angemessenen Rahmen bot, bestätigt von gezählten etwa 1900 Besuchern.

„Der interkulturelle Austausch schafft gesellschaftliches Bewusstsein, Flensburger Bewusstsein, und das kann nur gut für uns alle sein“, sagte Schirmherr Henning Brüggemann in seiner Begrüßung. Und das Deutsche Haus bot den ehrenamtlichen Akteuren mit seiner großen Bühne ein adäquates Forum, die farbige Vielfalt internationaler Kulturen aufzuzeigen. Den Anfang machte „Best of Schul-Chor“ mit 44 mutigen kleinen Sängern der Ramsharde-Schule, die von Opernsängerin Sylvia Wieland (zünftig in Matrosen-Outfit) motiviert wurde. Unter anderem durch „Wir wollen Liebe für die Welt, Shalom“ war das Publikum gleich Feuer und Flamme. Erst im September gegründet, betrat anschließend das Internationale Chor-Projekt Neustadt die Bühne, ganz „We are the world“ und „Let the sunshine in“. Die 30 Sänger freuen sich über weitere Engagierte, gerne mit internationalem Background.

Ein echtes Highlight des Festes der Kulturen war der Auftritt des Intercultural Music Projekt Neustadt des Flensburger Musikers Stelios Antoniou (das Tageblatt berichtete). Das vereint durch gemeinsames Musizieren und Singen mehrere Künstler unterschiedlicher Kulturen, viele mit Flüchtlingsschicksal als persönlichem Hintergrund. Sie stimmten das gefüllte Parket mit Populärmusik ein und begeisterten mit arabischsprachigen Titeln wie „Fatimeh“, nach denen nicht nur die Landsleute frenetischen Beifall spendeten. Die Tanzgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft zeigte komplizierte Reihentänze, betanzte außerdem mit Sirtaki gemeinsam mit vielen Besuchern den ganzen Saal. Betont folkloristisch gaben sich die bosnischen Tänzer und beeindruckten dabei mit teils extrem schellen Schrittfolgen.

Überraschend unterbrachen dann zahlreiche Demonstranten das Programm und okkupierten die Bühne: Sie waren Teil einer etwa 300 Personen starken Demo vom Nordertor zum Südermarkt, die gegen Abschiebung nach Afghanistan als angeblich sicheres Herkunftsland friedlich protestiert hatten. Mit Blumen und Handzetteln baten sie um Unterstützung, „nicht wieder in den Krieg abgeschoben zu werden“.

„Tanzen ist die älteste Sprache der Welt“ erklärte Stela, und ihr Ensemble inszenierte schönen Ausdruckstanz, nahtlos von lyrisch bis Rap und Breakdance. Wie vielfältig die Facetten anderer Kulturen echte Lebensfreude widerspiegeln, demonstrierte der türkische Kulturverein mit traditionellen, bunten Tänzen, erstmals auch durch den ganz jungen Nachwuchs. Türkische Gute Laune Live-Musik regte viele Besucher zum kleinen Tänzchen an. Lateinamerikanische Rhythmen von „Amerindia“ sowie persische Folkloretänze bildeten den hochwertigen Abschluss, hätten am Ende des vierstündigen Programms mehr Publikum verdient gehabt.

Margret und Harry Petri waren aus Satrup zum Fest der Kulturen gekommen. Im dortigen ‚Kaffeetreff‘ engagieren sie sich mit anderen Mitstreitern als Lotsen für Migranten, „ehrenamtlich und gerne“, wie sie betonen. Sie betreuen drei junge Frauen aus Afghanistan, die der persisch sprechenden und verfolgten Ethnie der ‚Hazara‘ angehören und deren Eltern von Taliban ermordet wurden. Nach komplizierter Flucht über mehrere Länder suchen sie nun neuen Halt in Deutschland. Bindung in die alte Heimat hätten sie nicht mehr, fürchteten um ihre Abschiebung. Das Fest der Kulturen wollten sie sich nicht entgehen lassen, ihnen und ihren ‚Lotsen‘ gefielen die ansprechenden Musikstile und die abwechslungsreichen Tänze.





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erstellt am 31.Okt.2016 | 07:19 Uhr

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