Filmdreh in Uelsby : Tankstelle als Filmkulisse

Die Lage am Ortsausgang von Uelsby und der weite Blick über die Felder machen die Tankstelle von Ralf und Werner Carstensen (rechts) zur perfekten Kulisse für den Filmdreh. Foto: Jäger
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Die Lage am Ortsausgang von Uelsby und der weite Blick über die Felder machen die Tankstelle von Ralf und Werner Carstensen (rechts) zur perfekten Kulisse für den Filmdreh. Foto: Jäger

Filmdreh mit Dorf- und Dieselgeruch: An der Tankstelle der Familie Carstensen in Uelsby wurden einige Szenen für einen Kinofilm mit Hanna Herzsprung und Marie Bäumer gedreht.

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06. Juli 2012, 09:50 Uhr

Uelsby | Ralf Carstensen sitzt gelassen auf einer kleinen Mauer vor seiner Werkstatt und schaut den anderen zu. Der Uelsbyer Kfz-Meister muss ausnahmsweise nicht arbeiten. Vielmehr: Er darf es nicht. Seine Werkstatt bleibt zu, ebenso die angrenzende Tankstelle. Das am Straßenrand positionierte blaue Schild, das normalerweise signalisiert, dass die Tankstelle geöffnet ist, suchen die Autofahrer an diesem Tag vergebens. Stattdessen laufen Set-Dekorateurin Sonja Strömer, Production-Designer Thomas Freudenthal und ein Team von gut zehn Mann geschäftig über den Tankstellenhof, montieren hier ein Schild, bekleben dort ein Fenster mit einem Schriftzug oder patinieren die gut drei Meter hohe Plastikwand, die ein Kulissenbauer vor dem Wohnhaus von Familie Carstensen errichtet hat. Denn die 1930 erbaute Tankstelle mit ihren drei feuerroten Zapfsäulen wird für einige Tage zur Filmkulisse. 2013 soll "Der Geschmack von Apfelkernen" mit Hanna Herzsprung, Marie Bäumer und Meret Becker in den Hauptrollen in die Kinos kommen.
Dass deswegen nun ein ganzer Trupp von "Film-Leuten" über ihren Hof jagt, ist für Tankstelleneigentümer Ralf Carstensen und seinen Vater Werner, ebenfalls Kfz-Meister, nichts Ungewöhnliches. Die beiden sind medienerfahren. Der NDR war schon da, Hörfunk und TV, und sogar eine Frankfurter Zeitung, denn wer an der urigen Tankstelle vorbeifährt, die seit vier Generationen im Besitz der Familie ist, kommt ins Staunen. Für Nostalgiker sind die drei Zapfsäulen - zwei sind aus dem Jahr 1965, die dritte kam 1972 hinzu - ein beliebtes Fotomotiv. "Das ist teilweise schon ein Treffpunkt hier. Die kommen mit fünf oder mehr Autos, häufig Oldtimer, stellen sie auf die Tanke und fotografieren sie", sagt Carstensen, der die Tankstelle, wie er sagt, nur noch als Hobby betreibt. Feste Öffnungszeiten gebe es nicht. "Die ist nur offen, wenn einer da ist" - erkennbar an dem Schild am Straßenrand.
"Dann ist mal was los hier im Dorf"
Die Geschichte des Familienbetriebes am Uelsbyer Ortsausgang lässt sich in der Dorfchronik nachlesen und Borde voller Fotoalben liefern die passenden Bilder. "Das älteste Bild, dass ich habe, ist, glaube ich, von 1950. Meine Mutter war Fotolaborantin. Sie hat aufgepasst, dass nichts wegkommt", sagt Ralf Carstensen. Sein Uropa, Schmiedemeister Wilhelm Carstensen, errichtete 1903 das Wohnhaus mit Werkstatt an der Dorfstraße. 1937 übernahm sein Sohn Wilhelm Carsten die Schmiede und 1969 ging die mittlerweile zur Kfz-Werkstatt umfunktionierte Halle in den Besitz von Werner Carstensen über, der ab 1969 zudem Busbeförderung und Krankentransporte betrieb, heute offiziell im Ruhestand ist, aber seinem Sohn Ralf, der den Betrieb im vergangenen Jahr übernahm, stets tatkräftig zur Seite steht.
Die Uelsbyer freuen sich auf den Filmdreh. "Dann ist mal was los hier im Dorf", sagt Werner Carstensen. Beeindrucken lassen sie sich aber nicht von dem Trubel, den das Film-Team, das mit zwei vollen Transportern und zahlreichen Pkw angerückt ist, verbreitet. Auf die Frage, ob sie den Roman von Katharina Hagena, der Buchvorlage für den Film ist, gelesen, hätten, winken beide ab: "Meine Frau hat es gelesen und sagt, es wird ein Frauenfilm", sagt der 69-Jährige und lacht. Sohn Ralf hat zumindest die zehn Seiten gelesen, die sich um die beiden Szenen drehen, die an der Tankstelle gedreht werden. Eine spielt 2011 und eine 1995, entsprechend muss das Dekorationsteam um Sonja Strömer gleich mehrmals anrücken.
Der Charme der Tankstelle überzeugte das Film-Team
"Der Ist-Zustand von Herrn Carstensen ist für uns 1995", sagt die 47-jährige Hamburgerin, die dankbar für die gute Motivauswahl von Location-Scout Christian Meinicke ist, denn "die Tankstelle erzählt so richtig gut Dorf". Nicht ihr hohes Alter war ausschlaggebend für die Film-Crew, sondern der Charme der Tankstelle, "weil sie so untypisch ist und am Dorfrand liegt", sagt Thomas Freudenthal.
Strömer und ihr Team haben leichtes Spiel. Nur wenige Handgriffe benötigen sie, dann ist die Ausstattung fertig für die 2011er Szene. Nachdem Reifen vor der künstlichen Mauer gestapelt wurden, die Schriftzüge "Benzin", "Super" und "Diesel" an den drei Zapfsäulen erneuert wurden und aus dem kleinen Kassenraum mit Ersatzteillager ein Tankstellenshop entstanden ist, muss nur noch die Plastikwand mit Efeu beklebt werden. Selbst Postkarten mit Motiven von Bootshaven, dem fiktiven Handlungsort der Geschichte, werden gut sichtbar drapiert. Ein "Bootshavener Tageblatt" gibt es aber nicht. Stattdessen liegen die Schleswiger Nachrichten im Regal.
Die sind beim Dreh selbst dann aber nicht erkennbar. Dafür ist das Familienalbum schon nach dem ersten Drehtag um einige Fotos mit den Schauspielern reicher. "Die sind alle furchtbar nett", so Carstensen. Auch für einen Plausch mit Schaulustigen, die sich zahlreich am Set versammelt haben, nehmen sich die Schauspieler Zeit. Und die Nichte von Ralf Carstensen hat ein ganz besonderes Andenken. Neben Klassenkameraden und Freunden hat auch Schauspielerin Marie Bäumer alle Fragen in ihrem Poesiealbum beantwortet. Auch für ihren Onkel Ralf Carstensen war der Dreh eine tolle Abwechslung. Mit frisch gestrichener Wand und renoviertem Kassenraum nimmt der 48-Jährige den regulären Betrieb heute, wenn die Dreharbeiten beendet und das 60-Mann starke Film-Team verschwunden ist, wieder auf.

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