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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 06:24 Uhr

Tag der hässlichen Bilder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wasserwerfer und Wurfgeschosse, Prügel, Beleidigungen und Beschimpfungen: Polizei trifft auf heftigen Widerstand

shz.de von
erstellt am 03.Feb.2016 | 07:33 Uhr

Und natürlich fängt es kalt zu regnen an, als das letzte Kapitel der Harniskai-Besetzung aufgeschlagen wird. Schweres Gerät rückt an. Bagger, Radlader, Tieflader, mobile Kräne, Lastwagen, Schlepper für einen Schwarm von Menschen in Signalwesten, die dem umstrittenen Flensburger Luftschloss am Harniskai den Garaus machen werden an diesem Mittwoch. Und zwar vollständig. Als es zu regnen beginnt, ist das entscheidende Kapitel aber schon fast vorbei.

Eine Hundertschaft gepanzerte Polizei erledigt, was die Stadt Flensburg vor Wochen schon beim Landgericht in Auftrag gegeben hat: Die Auflösung der rechtswidrigen Besetzung auf dem städtischen Grundstück Harniskai 1-3. Das ist der Teil der Luftschlossgeschichte, der tags zuvor als der mit den hässlichen Bildern angekündigt wurde. Auf der Sitzung im Hauptausschuss. Als die Grünen ihren Antrag zurückgezogen hatten, die Räumung auszusetzen und fast alle Politiker, die zuvor so blumig über die Zukunft und Goodwill, Verständigung und friedliche Lösungen diskutiert hatten, doch genau wussten: Das wird dreckig morgen früh.

Um 8 Uhr also läuft der Harniskai das erste Mal mit schwerem Gerät und einem massiven Polizeiaufgebot voll. Busse, Mannschaftswagen, Rettungssanitäter, gepanzerte Fahrzeuge, zwei monströse Wasserwerfer. Sie werden schnell zum Einsatz kommen.

Die Beamten schaffen es im ersten Anlauf nicht, den Besetzern die Räumungsverfügung zuzustellen. Es hagelt Pflastersteine, Polenböller. Rückzug. Durchsage: „Sie begehen schwere Straftaten!“ Zwei Aufforderungen, das Gelände zu räumen. Vielleicht 20 Besetzer lassen sich vom Gelände führen, 20 weitere, die nicht ernsthaft erwarten dürfen, einer gut ausgebildeten Hundertschaft standhalten zu können, verschanzen sich. Häuserkampf nach Art der Antifa-Bewegung. Wir gegen die ewige Staatsübermacht. Zeit für hässliche Bilder.

Wasserfontänen gegen Wurfgeschosse, Beleidigungen, Beschimpfungen, obszöne Gesten. Ein Autonomer zieht den Hintern blank. Die Wasserwerfer drängen das Grüppchen ins Innere des Eckgebäudes, Polizisten versuchen, das erste Geschoss zu stürmen. Scheiben splittern. Ein Feuerlöscher faucht weißen Pulverdampf, ein Beamter geht in Deckung. Gerade rechtzeitig. Da fliegt der leere Feuerlöscher auch schon durch die Scheibe. Ein Farbeimer hinterher.

Drei Aktivisten haben sich in einem bizarren Turmgebilde auf dem Außengelände an Betonklötze gekettet und müssen aufwendig befreit werden. Der von Besetzern fast geräumte Gewerbehof wird zunehmend von Männern mit Signalwesten bevölkert, die sich ans Aufräumen machen. Auto- und Wohnwagenwracks werden geborgen. Tonnen von Sperrmüll, Abraum und Abfall eingesammelt. Ein Endzeit-Film mitten in Flensburg.

Doch auch wenn die Lage zunehmend unter Kontrolle gerät, immer mehr gewalttätige Besetzer festgenommen und abgeführt werden: Die Auseinandersetzungen leben immer noch wieder auf. Eine Gruppe am Geländeeingang hat sämtliche Absperrungen durchbrochen, zeigt ein Antifa-Banner und will auf die Polizisten los. Eine Flasche verfehlt eine Journalistin knapp. Auch an der Kreuzung Kielseng, wo sich Fahrzeuge des THW und des TBZ wegen einer Sitzblockade stauen, wird es noch mal heftig. Aus provozierendem Antanzen gegen starr verharrende Beamte wird es unvermittelt handgreiflich. Fäuste fliegen gegen Polizisten. Schubser, Rangeleien. Die kleine Gruppe der Angreifer wird in die Enge getrieben. Fixiert. Das Publikum kommentiert. „Scheißbullen!“ „Polizeistaat!“ „Arbeitet lieber was Richtiges, als uns die Wohnungen wegzunehmen!“

Langsam kann sich die Reinigungskolonne wieder in Bewegung setzen. Denn nichts soll heute auf dem Grundstück stehen bleiben. Almut Ritter von der Ordnungsverwaltung hat über Lautsprecher gewarnt. Der Veranstaltungsschutz ist aufgehoben. Was die blockierenden Demonstranten vor den Zugmaschinen tun, wird nicht mehr toleriert. Ein mächtiger Dreiachser setzt sich in Marsch und fährt langsam vorweg. Ein Riesentross von Baufahrzeugen hinterher.

Aktivisten laufen dicht vor dem LKW kreuz und quer über die Straße. Ein Mädchen heult. „Ihr macht unser Zuhause kaputt!“ Dann ist die Karawane vorbei gezogen. Der Regen hat begonnen.

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