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Bürgerwette Flensburg : Supermarkt der Menschlichkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie in der Flensburger Tafel Professionalität und soziales Engagement Hand in Hand gehen - Erfahrungen am Rande eines Wetteinsatzes

Die verlorene Bürgerfonds-Wette vom März hat auch ihr Gutes. Sie weitet den Blick. Wo anfangen beim Tag in der Flensburger Tafel, wo der Wetteinsatz – ehrenamtliche Arbeit für einen guten Zweck – eingelöst wird? Beim Leiter Klaus Grebbin, von dem eine ZDF-Reporterin einmal sagte, er sei ein Mann mit einem großen Herz und einem ebenso großen eisernen Besen? Oder lieber bei dessen Vater beginnen, der mit jetzt 90 Jahren noch zweimal die Woche ehrenamtlich Dienst tut? Oder bei Malik, dem jungen Syrier, der so viel zurückgibt von dem, was ihm als Flüchtling an Hilfe widerfahren ist?

Es sind viele Erfahrungen und Eindrücke – nicht zuletzt mit Blick auf die gut 300 Menschen, die an diesem Freitag die Tafel in der Waldstraße aufsuchen, um mit Lebensmitteln von hier besser über die Runden zu kommen. „Kunden“, nennt Klaus Grebbin sie. Niemand müsse sich schämen, hierher zu kommen, niemand sei Bittgänger, denn schließlich zahle jeder pauschal zwei Euro, bevor er die Stände seines „Lebensmittelmarktes“ ansteuere. „Wie unser Geschäftsmodell aussieht, muss sie doch nicht interessieren. Wenn einer beim Discounter ein Schnäppchen macht, ist es ihm auch nicht peinlich“, sagt der Tafel-Chef. Er sitzt in seinem Büro hinter einem Computer, an den Wänden Einsatzpläne, Abholtermine, Personalorganigramme, Kundenlisten. Um 7 Uhr morgens sind die ersten Transporter rausgefahren, um „Ware“ abzuholen – Lebensmittelspenden von vielen Supermärkten der Stadt – Obst und Gemüse, das schon länger liegt, aber noch gut ist, Molkereiprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft, Brot. Lebensmittel, die vor dem Wegwerfen bewahrt werden und Bedürftigen zugutekommen. „Wir haben einen Wareneinsatz von 250  000 bis 300  000 Euro im Monat und arbeiten wie andere mittelständische Unternehmen auch“, sagt Grebbin. Er muss es wissen. 30 Jahre lang arbeitete er für große Konzerne in der Logistikbranche, koordinierte, organisierte, managte. Dann wollte er eigentlich kürzertreten, aber ein Freund von der „Johanniter-Unfall-Hilfe“, dem Träger der Tafel, überredete ihn, gegen eine „Aufwandsentschädigung“ beides zu zeigen: Herz und Professionalität. Seit 1. Mai 2013 leitet der 60-Jährige die gemeinnützige Einrichtung.

Bei seinem täglichen Rundgang durch die Tafel-Räume, die bis vor gut zehn Jahren den Gasthof „Alter Berggeist“ beherbergten und deren einstige Kegelbahn heute als Lagerraum samt Kühlräumen genutzt wird, wird schnell die gute Stimmung unter den rund 60 Mitarbeitern – 25 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, 20 Ein-Euro-Jobber und 15 Aktive, die Sozialstunden ableisten müssen – deutlich. Es wird gescherzt, gelacht – auch über den „Neuen“, der „mal richtig anpacken soll“.

Grebbin ein „eiserner Besen“? Mit dem ZDF-Zitat hat der Tafelleiter keine Probleme: „Wir sind ein tolles Team. Aber das ändert nichts: Es wird konsequent geführt und gearbeitet. Wer dreimal unentschuldigt fehlt – ist draußen. Und die Pausenzeiten sind auch geregelt.“

Ab elf Uhr findet sich das „Verkaufspersonal“ ein – ehrenamtliche Helfer, die an den Ständen Gemüse, Obst, Brot, Milchprodukte, Wurst und Käse und andere Dinge für den täglichen Bedarf, die gespendet werden, verteilen. Rolf Grebbin, der Vater des Tafelchefs, trifft ein. Er fährt jeden Mittwoch und Freitag aus dem gut acht Kilometer entfernten Freienwill in die Waldstraße, um ehrenamtlich bei der Lebensmittelausgabe anzupacken. Wird ihm das im Alter – Rolf Grebbin ist gerade 90 Jahre alt geworden – nicht zu beschwerlich? Der Senior lacht: „Sie kennen meinen Sohn nicht. Wenn es um die gute Sache geht, dann überredet er jeden. Und bevor er mir wieder vorjammert, dass er zu wenig Leute hat, komme ich lieber freiwillig.“ Sohn Klaus frotzelt zurück: „Na ja, Vaddern, durch die ehrenamtliche Arbeit kommst Du nicht auf dumme Gedanken.“

Mittlerweile hat sich vor der Tafel eine lange Schlange gebildet. Zwischen 500 und 600 Menschen kommen jede Woche zu den beiden Lebensmittel-Ausgabezeiten. „Die Schere zwischen arm und reich geht auch in der Stadt immer weiter auseinander. Neben den Flüchtlingen beobachten wir vor allem die wachsende Altersarmut bei deutschen Bürgern. Die Zahl unserer Kunden steigt ständig. Erst kürzlich kamen zwei alte Damen erstmals in die Tafel. Sie wollen dem Staat nicht zur Last fallen und gehen nicht zum Sozialamt, obwohl ihnen aufgrund der niedrigen Rente Grundsicherung zusteht. Jetzt hatten sie sich wenigstens zu uns aufgerafft. Als sie hier neben Obst und Gemüse auch etwas aus der Schlachtertheke bekamen, sagten sie, dass sie seit einem halben Jahr keine Wurst und kein Fleisch mehr gegessen hätten, weil das Geld fehlte“, schildert Grebbin. Er hat an der Kasse Platz genommen. Wer regelmäßig zur Lebensmittelausgabe kommt, muss sich registrieren lassen und erhält ein Kärtchen, auf dem die Zahl der Familienangehörigen steht, die vom Empfänger mitversorgt werden. 2048 Familien sind derzeit als Nutzer der Tafel registriert; von den rund 7000 Menschen in diesen Familien sind ein Drittel Kinder unter 15 Jahren.

Punkt 11.45 Uhr öffnet die Ausgabe. Ich habe mir die grüne Schürze mit dem Tafellogo umgebunden und mich an die zugewiesene Stelle am Obststand begeben. „Wenn Sie Hilfe haben, fragen Sie ruhig“, raunt mir die Tafel-Mitarbeiterin am Gemüsestand zu. Neben mir steht der erfahrene Rolf Grebbin. Mit einem Blick sieht er, dass die Zitronen bei mir nicht für alle reichen werden. „Nur eine Zitrone an jeden, höchstens für Familien zwei“, empfiehlt er. Dagegen könne ich bei der Ausgabe von Bananen großzügig sein. Die sind heute reichlich reingekommen.

Die Schlange wird bis zur Schließung um 14 Uhr nicht mehr abreißen. Doch keine Drängelei, kein Naserümpfen über überreifes Obst, über braune Stellen auf den Bananen. Stattdessen auch von den ausländischen Mitbürgern immer wieder ein deutsches „Danke“ für das ausgegebene Obst – neben Bananen vor allem Äpfel. Eine Frau, auf dessen Kärtchen neun Familienangehörige verzeichnet sind, fragt bescheiden, ob es eine Banane mehr sein dürfe. „Wegen der Kinder.“ Das etwa sechsjährige Mädchen an ihrer Seite, das den Kinderwagen schiebt, während die Mutter von Stand zu Stand läuft, strahlt, als ich ihr eine kleine Staude mit Babybananen extra in die Hand drücke.

Kiste für Kiste auf dem Tresen leert sich. Hinter mir sorgt ein junger, kräftiger Mann dafür, dass laufend Nachschub zum Verteilen auf die Tische kommt. Er schleppt die vollen Kisten nach vorn, klappt die leeren zusammen und bringt die Stapel nach hinten zurück ins Lager. Später erfahre ich, dass es Malik ist. Vor zwei Jahren kamen er aus Syrien nach Flensburg. Auf der Flucht verlor er seine Familie. Die Flensburger Tafel lernte er als Ein-Euro-Jobber kennen. Inzwischen hat er bei der Firma Redlefsen in Satrup Arbeit gefunden. Aber er will der deutschen Gesellschaft aus Dankbarkeit etwas zurückgeben. So ist er an diesem Tag nach der Nachtschicht nach Hause gefahren, hat eine, zwei Stunden geschlafen und ist dann in die Waldstraße gekommen, um ehrenamtlich mit anzupacken.

Nach dem Ende der Lebensmittelausgabe geht die Arbeit weiter: Die Stände müssen gesäubert, der Boden des Marktes muss gefegt werden. Die gesamte Ware ist weg. „Joghurt konnte heute nur an Familien mit Kindern ausgegeben werden“, sagt Grebbin. Er ist auf die Spenden der Lebensmittelketten, der Spediteure, die ihm Konserven, die zu Bruch gegangen sind, zukommen lassen, und auf Lebensmittelproduzenten angewiesen, die der Tafel auch mal direkt Waren spenden. Draußen werden mit einem Super-Hochdruckreiniger Kisten abgespritzt, damit morgen früh neue Lebensmittel abgeholt werden können.

Grebbin, dessen wichtigste Aufgabe nach eigenem Bekunden darin besteht, immer wieder Entscheidungsträger in der Wirtschaft auf die Not der „Tafel“-Kunden aufmerksam zu machen und erfolgreich „Spendenakquise“ zu betreiben, kann viele Geschichten über die Unterstützung der Tafel erzählen. Auch viele gute. „Ich hatte die Firma Kärcher in einem Brief gebeten, uns für die Reinigung der Behälter einen Hochdruckreiniger zu spenden. Damit das Ganze nicht zu unverbindlich klingt, habe ich ein mittleres Modell für etwa 1000 Euro ausgesucht und als Wunschgerät angegeben“, berichtet er. Zurück kam ein Brief, in dem die Unternehmensleitung mitteilte, dass man der Flensburger Tafel gern ein Gerät spende. Aber statt des erbetenen 1000-Euro-Modells wolle man doch lieber das teurere für 4000 Euro zusenden, um die Arbeit der Ehrenamtlichen zu erleichtern.

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erstellt am 02.Aug.2017 | 14:05 Uhr

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