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Konzert in St. Johannis : Süßer die Glocken nie klangen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Ensemble „Arsis“ begeistert das Publikum in St. Johannis mit nie gehörten Klängen und viel Charme.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | „Das war noch nicht das letzte Stück!“, musste Aivar Mäe mehrere Male dem Publikum zurufen. Das applaudierte schon mitten im Konzert derart enthusiastisch, dass der Este dachte, es handele sich um Forderungen nach Zugaben. Die Begeisterung galt dem achtköpfigen Ensemble „Arsis“ aus Estland, das den Auftakt der neuen Konzertreihe „Johannisklang“ in der zauberhaften kleinen Kirche in der östlichen Altstadt bestritt.

Handball ist in Flensburg in aller Munde, und was man unter „Handbell“ versteht, wissen jetzt zumindest rund 200 Musikbegeisterte. Glocken kennt man von Kirchen, und hin und wieder schienen die der Johanniskirche ihre kleinen fremden Kolleginnen da unten im Kirchenschiff grüßen zu wollen. Die Esten hatten nicht alle ihrer 316 Glocken dabei, die zusammen 1,2 Tonnen auf die Waage bringen. Aber mehrere Dutzend waren es schon, mit denen die vier Frauen und vier Männer nicht nur ein erstaunlich breites Repertoire abdeckten, sondern auch die Kirche mit Klängen füllte, die man so noch nie gehört hatte. Das galt vor allem für die Stücke, die sie mit „Chimes“ spielten, Glocken in Form von Metallstäben, also letztlich Tubular Bells, nur nicht so groß wie bei Mike Oldfield damals, sondern deutlich handlicher.

Doch was macht denn nun ein Handglockenensemble eigentlich so? Es spielt Musik, zum Beispiel eine wunderbare Aria von Bach oder das berühmte Adagio von Albinoni. Nun kann man mit zwei Händen eigentlich nur zwei Glocken gleichzeitig spielen, was dazu führt, dass eine Melodielinie nicht von einem, sondern von mehreren Musikern gespielt werden muss. Kurzum: Die Noten eines Musikstücks werden ganz anders auf die Musiker eines Ensembles verteilt als sonst üblich. Die Folge: Die Glockenspieler müssen ein außergewöhnliches feines Timing an den Tag legen und ganz genau auf ihre Mitspieler achten.

Darin sind die acht Esten wahre Meister. Sie spielten „L’arlesienne“ von Bizet, eine Polka Pizzicata von Strauß, und ganz rasant „Czardas“. Meist werden die Glocken mit der Hand bewegt, doch wenn es gar zu schnell wird, greifen die Musiker zu Schlegeln, um die Glocken anzuschlagen – vor allem die großen, die die tiefen Töne erzeugen. Plötzlich und unvermittelt begann das Oktett zu singen, und zwar ganz wunderbar. Kein Wunder, die Glockengruppe ist aus einem Kammerchor hervorgegangen. Mit Bach fing es an, mit den Beatles hörte es auf: „Blackbird“ als Mischung aus Chor- und Glockenstück, und nach fast endlosem Applaus verließ das Publikum – meist selig lächelnd – beschwingt die Kirche und verschwand in der Johannisnacht. Ein wirklich besonderes Konzert!

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