Flensburgs Wohnquartiere : Sünderup: Die Dorf-Oase

Will die Identität Sünderups erhalten:  Hans-Jürgen Carstens.  Foto: Gatermann (2)
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Will die Identität Sünderups erhalten: Hans-Jürgen Carstens. Foto: Gatermann (2)

Im Jahr 1974 stimmte Mehrheit der Bewohner für den Anschluss des Viertels an die Stadt / Historischer Kern wurde saniert

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13. August 2011, 11:21 Uhr

Sünderup-Dorf | Ein Spaziergang durch Sünderup-Dorf würde wohl nur ein paar Minuten dauern. Doch begleitet man Hans-Jürgen Carstens durch "sein" Dorf, muss der Besucher etwas mehr Zeit mitbringen. Der 63-Jährige erzählt ausführlich und gern, zeigt, wo früher der Brunnen für die Wasserversorgung war, die Häuser der Tagelöhner. An einer Biegung deutet er auf den kleinen Vorgarten. "Hier war der Kaufmannsladen von Hermann Warnholz." Man nannte ihn ob seiner Herkunft den Schweizer von Sünderup. Vor dem ehemaligen Gerätehaus der Feuerwehr wurde damals gebolzt, während hinter dem Garagentor ein Löschanhänger darauf wartet, bei Feueralarm von einem Trecker zur Brandstelle gebracht zu werden. Erst später gab es einen Bus. Dann führt Carstens, in Richtung Sünderuphof, "auf den Stech". Hier am Ortseingang feierte das Dorf immer gemeinsam Silvester - mit tollem Ausblick auf das Feuerwerk in der Stadt. "Die Ur-Sünderuper machen das heute noch", sagt Carstens.

Doch viele gibt es davon nicht mehr. Das noch in den 1930er Jahren im Wesentlichen intakte alte Dorfbild mit seinen Katen ist neuer Wohnbebauung gewichen. Junge Familien zogen auf das südlich von Adelby Kirche gelegene, hügelige Terrain.

Es entstanden die Neubaugebiete Süd und West. Erstes ist durch den 1926 gebauten Bahndamm getrennt, letzteres hat eine eigene Zufahrt. "Das wächst nicht zusammen", glauben Carstens und seine Frau Margit (61). Familie Carstens lebt mittlerweile in dritter Generation in Sünderup. Der älteste Sohn hat das alte Wohnhaus bezogen, Hans-Jürgen und Margit Carstens haben nebenan neu gebaut. "Wir versuchen die Identität Sünderups zu bewahren", sagen die Eheleute. "Aber es ist schwer."

Das Sünderup von damals ist das Sünderup-Dorf von heute, das Stadtviertel nach der Eingemeindung. 1974 stimmte die Mehrheit der Bewohner für den Anschluss an die Stadt. Auch die Carstens. "Das hatte doch Vorteile. Wir bekamen Straßenbeleuchtung, eigene Wasseranschlüsse." Einige Sünderuper wollten allerdings auch gern eigenständig bleiben. Bis 1994 vertrat ein Ortsbeirat, der auch für Adelby zuständig war, die Belange bei der Stadtverwaltung im Rathaus. Zu Sünderup-Dorf gehört auch eine Kattloch oder Sünderupfeld genannte Kate, die an der im Osten vorbeiführenden Landstraße zwischen Adelby Kirche und Tastrup (heute Ringstraße) lag. Bis 1900 wuchs Kattloch auf vier Häuser an.

Kern von Sünderup ist der 1653 gegründete Sünderuphof, um den sich eine kleine Katensiedlung gruppierte. In einem dieser Häuser rund um das Gut wurde 1920 Hans-Jürgen Carstens Vater Heinrich geboren. Als der aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrte, musste er erfahren, dass auch das ländliche Idyll nicht von der Zerstörung verschont wurde. Mehrere Häuser wurden 1943 von Brandbomben zerstört, auch die Südseite des Hofes. Der damalige Besitzer Fritz Bolten baute nach dem Krieg für die Flüchtlinge aus Ostpreußen und Dänemark Häuser, Tagelöhner-Häuser. Drei stehen noch heute an der Straße Hofallee. Mitte der 1980er Jahre ging das Grundstück an die Stadt. 2005 verkaufte sie es an einen Privatmann, der das Gut sanierte. "Es ist jetzt ein Traum", schwärmt Margit Carstens. Der Hof bleibe voll im Dorf integriert.

Nach dem Krieg kam auch Familie Carstens zurück, nachdem sie kurze Zeit in Adelby gewohnt hatte. Dort wurde auch 1947 Hans-Jürgen geboren. Als er sechs Jahre alt war, kaufte die Familie das Haus in Sünderup, in dem heute der Sohn lebt. Bis 1970 betrieb die Familie noch Nebenerwerbswirtschaft mit ein paar Kühen und Schweinen. "Wir sind hier verwurzelt", sagt Carstens, der Kfz-Mechaniker gelernt und bis zum Ruhestand vor sechs Jahren bei der Post in der Werkstatt gearbeitet hat. Ob er mal daran gedacht hat, wegzuziehen? "Das alles hier aufgeben? Nein. Wir haben so viel Arbeit hier reingesteckt." Außerdem sei das Verhältnis zu den Nachbarn super, sagt Margit Carstens. Ihr Mann helfe, wo Not am Mann ist. Und auch die Söhne helfen, wo es geht.

Nun hoffen Hans-Jürgen und Margit Carstens auf Enkelkinder, die die Tradition der Carstens in Sünderup fortsetzen sollen.

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