Nach Sturm „Axel“ : Sturmflut in Flensburg: Hilferufe aus dem Hochwassergebiet

50 Zentimer hoch staute sich das Wasser an der Schiffbrücke – einige Autofahrer konnte das nicht von einer Spritztour mit Bugwelle abhalten.
50 Zentimer hoch staute sich das Wasser an der Schiffbrücke – einige Autofahrer konnte das nicht von einer Spritztour mit Bugwelle abhalten.

Wassermassen fluten die Schiffbrücke und sorgen für den Ausnahmezustand – besonders schlimm erwischte es das Hotel Hafen Flensburg

shz.de von
05. Januar 2017, 20:00 Uhr

Flensburg | Blauer Himmel, Windstille und eine zarte Schneedecke über Flensburg. Weiß und unschuldig präsentierte sich die Stadt am Donnerstag am frühen Morgen. Als wäre nichts vorgefallen in der vorangegangenen Nacht.

Doch das Gegenteil war der Fall. Die Auswirkungen von Sturmtief „Axel“, das zuvor über der Nordsee gewütet hatte, trafen die Stadt mit voller Breitseite. Durch den zuvor bereits prognostizierten Badewannnen-Effekt wurde das Wasser mit Macht zurück in das Hafenbecken gedrückt – und die Schiffbrücke versank.

Um kurz nach 19 Uhr tritt das Wasser über die Kaimauer. Zu diesem Zeitpunkt stehen auf dem Parkplatz Schiffbrücke noch bis zu 30 Fahrzeuge. Bei der überwiegenden Anzahl können die Halter telefonisch erreicht werden. Sieben Pkw werden abgeschleppt oder aber zum Parkplatz Exe umgesetzt. Bei einem Pkw gelingt dies nicht mehr – das gefräßige Salzwasser dringt ein. Zudem droht ein Mehrzweckschiff sich in den Festmachern aufzuhängen. Die Wasserschutzpolizei wird in Marsch gesetzt.

Das Wasser steigt unaufhörlich. Die Gastronomen am Hafen in heller Aufregung: „Noch 15 Meter bis zur Tür“, schlagen Astrid und Dirk Peters vom Lord Nelson Alarm, als sich das Wasser gegen 22 Uhr in die Speicherlinie schlängelt. Aus dem randvoll gelaufenen Parkhaus schwappt das Wasser von der anderen Seite auf die Straße. Zu diesem Zeitpunkt klopfen die Fluten schon längst an die Hochwasser-erprobte „Bärenhöhle“.

Sven Geissler
 

„Noch sieht man uns“, heißt es von dort lakonisch. Wenig später aber: Landunter! Die Schotten werden überspült, über ein Meter hoch steht das Wasser schließlich in der an diesem Tag geschlossenen Gaststätte. Selbst die Spielautomaten laufen voll. „Eine Katastrophe: Kühltresen und Elektrik zerstört“, klagt Mitinhaberin Sabine Ralfs. Sie erinnert sich noch gut an das letzte Szenario vor zehn Jahren. „Diesmal war es schlimmer!“, sagt sie. „Aber bald gibt es wieder Helgoländer für unsere Gäste. Versprochen.“

Besonders bitter trifft es ein gerade erst eröffnetes Millionenprojekt. Hilferuf aus dem Hotel Hafen Flensburg: „Wer noch wach ist, darf unserer Crew gern unter die Arme greifen.“ Wenig später: „Ahoi! Helfende Hände sind noch willkommen. Außerdem werden Gummistiefel, Socken, Kaffee und Tee benötigt.“ Kein Kaffee und Tee mehr aus der Hotelküche. Weil? Der Strom ist ausgefallen. Das lässt Böses erahnen. Tatsächlich drückt das Nass durch Fenster und Türen – die Höhe der metallischen Hochwasserschotten reicht nicht aus.

Doch Hilfe naht: Die ganze Nacht hindurch sind Mitarbeiter und Freiwillige mit Wassersaugern und Schöpfeimern in Aktion. Eine Sisyphus-Arbeit. Niemand kann verhindern, dass exklusive Möbel beschädigt, die Aufzugsschächte und die (leere) Tiefgarage geflutet werden.

Direktorin Kirsten Herrmann steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Am 16. Januar soll das Projekt im Beisein von Wirtschaftsminister Meyer offiziell eingeweiht werden. „An diesem Termin halten wir fest“, bekräftigt die Hotel-Chefin. Mitinhaberin Hanna Höft ergänzt: „Wir haben mit einer Flut in dieser Dimension nicht rechnen können.“ Die Schotten waren auf eine Höhe von 1,50 Metern ausgerichtet, nun sollen sie auf zwei Meter verlängert werden. Eine Schadensbilanz könne man erst in knapp einer Woche vorlegen.

Offiziell wird eine maximale Pegelhöhe von 1,79 Metern über dem mittleren Wasserstand (fünf Meter) um kurz nach Mitternacht angegeben. Das Wasser stand entlang der Schiffbrücke einen halben Meter hoch auf der Fahrbahn. Die Straße musste voll gesperrt werden.

Insider sprechen davon, in den letzten Jahrzehnten ein derartiges Hochwasser noch nicht erlebt zu haben. Dennoch verzeichnete die Feuerwehr gerade einmal zwei Einsätze: In der Alten Post und im Hotel Hafen Flensburg. Stadtsprecher Clemens Teschendorf: „Es war ein heftiges, aber kurzes Ereignis.“

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