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Dachdecker : Sturm sorgt für Auftragsflut im Handwerk

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bis weit in das nächste Jahr hinein sind die Handwerks-Betriebe in der Region damit beschäftigt, Schäden von Christian zu beheben.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 19:37 Uhr

Anette Oehlert lächelt. Verständnisvoll redet die Mitinhaberin der Harrisleer Dachdeckerei Oehlert auf den Kunden am Telefon ein. Es ist erst 8.30 Uhr und doch hat sie schon den sechsten Anrufer in der Leitung, der wissen will, wann die Sturmschäden an seinem Dach beseitigt werden. „Daran habe ich mich gewöhnt, anfangs waren es ja noch viel mehr“, sagt Anette Oehlert in ruhigem Ton. Dabei ist es über einen Monat her, dass „Christian“ über das Land hinwegfegte.

„Bei uns sind nach dem Sturm quasi über Nacht rund 900 Aufträge eingegangen“, berichtet Heiko Oehlert. Der 46-jährige Dachdecker hält zwei prall gefüllte Aktenordner in den Händen, voll mit Arbeitsaufträgen durch den Sturm. „Und das sind noch nicht einmal alle.“ Die derzeitige Auftragslage sei 50 mal so hoch wie zu dieser Jahreszeit üblich.

Doch nicht alle Betroffenen reagieren darauf mit Verständnis und beschweren sich über die Wartezeit. „Wir können die Situation der Menschen absolut nachvollziehen, auch etliche meiner Mitarbeiter haben an ihren Häusern Sturmschäden davongetragen“, beschwichtigt Oehlert und appelliert an die Geduld der Betroffenen. „Jeder Kunde hält seinen Schaden für den gravierendsten und will als erster bedient werden, aber wir können nicht zaubern.“


Dächer nur provisorisch repariert


 

Dies machen sich offenbar aber viele nicht klar. Mit der Folge, dass es im Endeffekt noch länger dauert. Andere Sturmgeschädigte beauftragten gleich mehrere Dachdeckerbetriebe parallel. „Deshalb hatten wir bestimmt 50 Fälle, in denen eine Zwei-Mann-Kolonne ausgerückt ist, nur um vor Ort festzustellen, dass der Schaden schon behoben ist“, kritisiert Heiko Hahn, Bauleiter bei Oehlert. Er erwarte, dass der Auftrag dann rechtzeitig vorher storniert werde. „Ich bestelle doch nicht bei drei Bringdiensten je eine Pizza, um mich dann für den schnellsten Service zu entscheiden und die anderen wieder nach Hause zu schicken.“

Die Notfälle, in denen ganze Dächer vom Sturm abgedeckt wurden und Regenwasser ins Gebäude lief, seien bevorzugt behandelt worden. „Bei fast all den eingegangenen Sturmschäden besteht aber Nachbesserungsbedarf, da wir wegen der Fülle an Aufträgen oft nur provisorisch gedeckt haben.“ Firmenchef Oehlert schätzt, dass die Arbeiten sich noch bis Ostern hinziehen werden. „Wenn der Winter aber ähnlich streng und lang wird wie im vergangenen Jahr, dann dauert es länger.“

Damit stelle der Betrieb bei Weitem keinen Einzelfall dar. „Die Dachdeckerbetriebe in Flensburg und Umgebung haben jeweils zwischen 500 und 900 Sturmschäden zu bearbeiten, und viele schieben daher noch eine ganze Zeit lang Überstunden“, berichtet Oehlert, der zugleich Obermeister der Dachdecker-Innung Flensburg, Schleswig, Eckernförde ist.

Zusätzliche Handwerker einzustellen, löse das Problem aber nicht. „Das lohnt für die kurze Zeit nicht, weil die erst richtig eingearbeitet werden müssen.“ Zudem seien unabhängig von der Personaldecke Arbeitsmaterialien vergriffen, etwa Gerüste und Dachziegel. „Wir mussten Ziegel aus Hamburg liefern lassen, weil es in Schleswig-Holstein keine mehr gab.“ Ähnlich sieht die Lage bei den Zimmereien aus, bestätigt Bau-Innungs-Obermeister Hans-Henning Hansen. „Selbst jetzt noch rufen täglich Leute an, melden neue Schäden oder wollen wissen, wann die Arbeiten bei ihnen fortgesetzt werden.“ Er schätzt, dass die Zimmereien noch bis Sommer nächsten Jahres damit beschäftigt seien, Sturmschäden an Dächern, Carports und Zäunen zu reparieren.

Doch nicht nur bei den Dachdeckern und Zimmereien platzen die Auftragsbücher aus allen Nähten: „Fast alle Betriebe sind nicht zuletzt wegen des Sturms voll ausgelastet“, sagt Günther Görrissen, Obermeister der Kfz-Innung Flensburg Stadt und Land. Bei tausenden Autos hatten herabgestürzte Äste und Dachziegel Windschutzscheiben zerstört, Dellen in der Außenverkleidung oder Lackschäden verursacht. „Der Sturm fiel genau in die Zeit der Winterreifen-Wechsel, daher sind wir auch jetzt noch mit Reparaturaufträgen beschäftigt.“

Entspannter sieht dagegen die Lage bei den Malereien und Lackierbetrieben aus, erklärt Jörg Jensen, Obermeister der Maler- und Lackierer-Innung Flensburg-Schleswig. Dort wurden bislang nur Schäden an Gebäude-Außenfassaden beseitigt. „Erst wenn die Räume mit Wasserschaden ausgetrocknet sind, können wir auch da tätig werden.“ Zwischen fünf und 45 Aufträge seien bei den Malereien eingegangen. Das entspricht nur einem Bruchteil der Aufträge der Dachdeckerei Oehlert, doch für Jensen ist dieser Wert eine Menge. Er beneidet Anette Oehlert nicht – denn um 10.30 Uhr haben schon 25 ungeduldige Kunden bei ihr angerufen.

 

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