„Porticus 1740“ in Flensburg : Studentenkneipe mit „Umsatzrinne“

Eckhaus in Fachwerk: Das „Porticus 1740“ wohnt in einem Schmuckkästlein mit Giebelfront zur Großen Straße.
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Eckhaus in Fachwerk: Das „Porticus 1740“ wohnt in einem Schmuckkästlein mit Giebelfront zur Großen Straße.

Das legendäre Lokal an der Marienstraße feiert am Freitag 50-jähriges Bestehen.

Gunnar Dommasch von
17. Mai 2018, 06:53 Uhr

Flensburg | Ein Dino unter den Flensburger Kneipen wird 50 – das unverwüstliche „Porticus“. Am 18. Mai 1968 hatte der inzwischen verstorbene Wirt und Künstler Helge Thordsen sein Werk aus der Taufe gehoben, das allen Trends ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich getrotzt hat.

Porticus-Pionier Helge Thordsen (rechts) kurz nach der Eröffnung im Mai 1968.
Foto: sh:z
Das legendäre Lokal an der Marienstraße feiert am Freitag 50-jähriges Bestehen.
 

Es war die Zeit der Studentenunruhen, deren Wellen bis an die Förde schwappten. Auch Bier floss reichlich, während wild debattiert wurde. Das erste Pils hat damals Helmut Urbschat gezapft.

Weitgehend erhalten ist das weit und breit einmalige Interieur, in dem getrunken, gelacht und politisiert wurde: plüschige Möbel, alte Spiegel, Leuchter, Antiquitäten von der Beethoven-Büste bis zum Bronzeengel. Dazu ein Piano, damals schon leicht verstimmt, bei dem heute nur noch die Hälfte der Tastatur funktionsfähig ist. Es wurde, so behaupten Zeitzeugen, von dem Pianisten Gottfried Böttger „kaputt gespielt“.

Der eherne Bronzeengel hält Wacht am Tresen mit der legendären Umsatzrinne.
Foto: Gunnar Dommasch
Der eherne Bronzeengel hält Wacht am Tresen mit der legendären Umsatzrinne.
 

Unzählige Anekdoten ranken sich um die Geschichte des nicht erst 1740, sondern laut Denkmalschützer Eiko Wenzel vermutlich noch früher erbauten Fachwerkhauses, das schon vor dem Porticus gastronomisch genutzt wurde. Das Gebäude an sich ist ein architektonisches Juwel – was sich darin abspielte, legendär. 

Otto, der Komiker, soll hier einst für eine Gage von 90 D-Mark seine Späße gemacht haben. Vor einigen Jahren ließ er sich an der Stätte seines frühen Wirkens noch einmal  blicken, mit Anhang, erinnert sich ein Gast. „Fotos wurden gemacht, waren für die Öffentlichkeit aber nicht erwünscht.“

Schon immer gab sich hier die lokale Künstler- und Musikszene die Klinke in die Hand. „Nighthawks At The Diner“ servierten hier ihre ersten Konzerte. Über die Jahre haben in den beengten Räumen unzählige Bands gespielt, dazu gehörte auch die bekannte Jazzkombo „Rainy City Stompers“. Auch die dänische Rock-Größe Kim Larsen schaut ab und zu vorbei. Andreas Fahnert und Axel Stosberg komponierten gar nach einer durchzechten Nacht um die Jahrtausendwende einen eigenen Porticus-Song.

Lange vor dem Porticus residierte das Restaurant „Om de Eck“ an der Marienstraße.
Foto: sh:z
Lange vor dem Porticus residierte das Restaurant „Om de Eck“ an der Marienstraße.
 

Einige Musiker wird man am Freitag ab 18 Uhr erneut erleben können, verspricht der aktuelle Pächter Demid Yuferev. „Namen wollen wir aber noch nicht verraten.“ Vor ihm führten Kaj-Uwe Dammann, Boris Warm, Edgar Claussen und eben der unvergessene Helge Thordsen Regie in der Kult-Kneipe. Eine Tradition wurde unter ihnen stets weitergereicht: Getränke notiert die Bedienung per Strichliste auf einem Bierdeckel. Es wird also nicht sofort kassiert, sondern der Gast zahlt, wenn er geht und seinen Bierdeckel vorlegt.

„Doch einige“, schildert ein ein Mitarbeiter, „versuchten es mit dem Trick, dass der Deckel abhanden gekommen sei.“ Ihnen sei dann  in freundlicher Weise klargemacht, worden, dass man den Alkoholkonsum nunmehr schätzen müsste. Sie hätten allerdings die Möglichkeit, nochmal genau zu suchen. „Und siehe da, der Deckel tauchte wieder auf.“

Kaj-Uwe Dammann erinnert sich, dass er 2001 von der Flensburger Brauerei gefragt wurde, ob er das „ziemlich abgewirtschaftete“ Porticus übernehmen wolle. „Da gab es nichts zu überlegen – meine Lieblingsschülerkneipe, emotionsgeladen, was haben wir damals dort erlebt.“ Ziel bei der Renovierung sei es gewesen, den unverwechselbaren Charme, den Helge Thordsen einst geschaffen hatte, zu erhalten. Die gesamte Familie trat zum Renovieren an.

Seit Anbeginn gibt es vis à vis den Stammtisch, der von verschiedenen trinkfesten Gruppen, ewigen Porticus-Gängern und ehemaligen Mitarbeitern fast durchgehend belagert wird. Der Santiano-Fanclub hat das Porticus zudem offiziell zu seiner Heimatkneipe erklärt. Oft genug sah und sieht man am Tresen die Handballer der SG Flensburg-Handewitt, wie sie ihre (vielen) Siege mit Bier und Pizza feiern und sich über ihre (wenigen) Niederlagen hinwegtrösten.

Geschäftsführer Dierk Schmäschke verweilte dort genauso gern wie auch schon Hauseigentümer Martin Aye, der soeben am Westflügel einen Neubau realisiert hat. Im Zuge dessen erhielt die Gaststätte komplett neue sanitäre Anlagen. Bereits 1984 war die gesamte Dachkonstruktion, erneuert worden. Eine Zäsur für das Lokal war das gesetzliche Rauchverbot, das 2007 für die Abtrennung eines Bereiches sorgte, der etwa die Hälfte der Grundfläche in Anspruch nimmt. „Je später der Abend“, erklärt Demid Yuferev, „desto voller wird es hier.“

Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Tresen, der, aus weitgehend unerforschten Gründen, mit einer „Umsatzrinne“ ausgestattet ist. Vorteil für den Betreiber: Im fortgeschrittenen Trinkstadium landen die Gläser irgendwann unweigerlich in der durchgängigen Mulde, kippen um und der Gast, frohlockt Demid Yuferev, „muss ein neues Getränk bestellen“.

Völlig verrückt geht es in der Regel bei den Weihnachtsfeiern zu, die regelmäßig erst Anfang Februar zur Faschingszeit unter totaler Kostümierung über die Bühne gehen. Bei diesen Festen sind die Akteure außer Rand und Band – und sie erzählen Geschichten, die  nur Eingeweihten zugänglich sind.

Waren es früher fast ausschließlich Studenten, die sich in den Semesterferien im Porticus trafen, um ihr Wiedersehen ausgiebig zu feiern, so ist das Publikum heute deutlich gemischter. „In diesem urigen Ambiente treffen sich alle Generationen“, sagt Raissa Yuferev, ehemalige Geschäftsführerin und mit dem Lokal immer noch innigst verbandelt. „Viele empfinden die Bar auch als ihr Wohnzimmer. Und ich habe hier meine Zeit und Seele investiert.“

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