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Zwei Stunden Funkstille : Stromausfall in Flensburg: Kurzschluss durch Möwe

vom
Aus der Onlineredaktion

Am Sonntag ging für zwei Stunden nichts in Flensburg und Umgebung: Hunderttausend waren ohne Strom. Ursache war eine Möwe.

Flensburg | Die Ursache des Stromausfalls in Flensburg steht fest: Es war eine Möwe. Rund 100.000 Menschen in Flensburg und Umgebung mussten am Sonntagmorgen ohne Strom auskommen. Erst am Montagmorgen wurde festgestellt, dass eine Möwe den Stromausfall verschuldet hat. Das Tier hat mit seiner großen Flügelspannweite zwischen zwei Leitungen für einen Kurzschluss am zentralen Stromverteiler gesorgt. Es überlebte den Schlag nicht.

Von etwa 8 Uhr bis 10.30 Uhr führte der Fehler in der Hauptversorgungsleitung zum Stromausfall in ganz Flensburg, Harrislee und Glücksburg. Durch den vogelbedingten Kurzschluss war eine plötzlich auftretende hohe Stromstärke von über 4000 Ampere im Netz. Dadurch seien die Schutzmechanismen im Netz automatisch ausgelöst worden.

Im zentralen Umspannwerk des Kraftwerkes Flensburg kommen auf zwei Sammelschienen alle Hauptleitungen Flensburgs zusammen: die des Kraftwerkes, die Verbindungen nach Dänemark oder Deutschland sowie diverse andere zu den Umspannwerken in Flensburg. Die Spannung beträgt 60.000 Volt. Ausgerechnet diesen Ort hat sich der Vogel für seinen Flug ausgesucht.

Sammelschienen bestehen immer aus drei Kabeln beziehungsweise Rohren, die rund einen Meter auseinander liegen. Jedes dieser drei Kabel führt Strom aus den drei Phasen des Wechselstroms.

Auf dem Dach der alten E-Werkstatt ist die Möwe zwischen zwei von drei Kabeln geraten und hat dadurch den Kurzschluss verursacht. Dieser hat dazu geführt, dass das Kraftwerk, das gerade Strom auf die Sammelschiene produzierte, sowie die Versorgung aus Dänemark, die ebenfalls an dieser Sammelschiene anstand, über die vorhandenen „Sicherungen“ abgeschaltet wurde.

Nach gut zwei Stunden konnten Mitarbeiter der Stadtwerke das Problem aber bewältigen. „Sie haben trotz des Wochenendes alles schnellstmöglich geregelt. Im Kraftwerk gab es durch das Auslösen einer Schutzschaltung ein sehr lautes Geräusch, aber keine Explosion“, so der Sprecher weiter.

„Das Netz ist jetzt stabil“, so der Sprecher weiter. Die defekte 150.000 Volt Leitung sei im Moment nicht am Netz angeschlossen. Es wurde auf andere Leitungen umgeschaltet. Dabei musste der ein oder andere Schalter manuell umgelegt werden, so Holdensen. Deswegen habe es einige Zeit gedauert, bis alle Menschen in und um Flensburg wieder Strom hatten. Die Stadtwerke hatten zeitweilig ein Dieselaggregat aufgestellt, das einzelne Gebiete in Flensburg mit Strom versorgte.

Noch nicht einmal mehr die Verkehrsampeln funktionierten am Sonntagmorgen. Die Sonntagsbäcker, die Kaffee vorgekocht hatten, verkauften im Halbdunkel nicht nur reichlich Brötchen, sondern eben auch Kaffee – statt mit der Kasse wurde über den Taschenrechner oder per Hand abgerechnet. Das dauerte etwas länger, so dass sich meterlange Schlangen bildeten. Einige Urlauber saßen an den Flensburger Tankstellen fest, weil auch die Förderpumpen der Tanksäulen nur über die Stromversorgung liefen.

In Deutschland ist die Stromversorgung laut Auskunft der Bundesnetzagentur so sicher wie in kaum einem anderen europäischen Land. 2008 lag die durchschnittliche Nichtverfügbarkeit noch bei 16,9 Minuten und 2012 bei 15,9 Minuten pro Person pro Jahr. Bei der letzten verfügbaren Statistik für 2013 seien es 15,32 Minuten gewesen, so Fiete Wulff, Pressesprecher der Bundesnetzagentur.

Dass der Zugang zum Betriebsgelände der Berufsfeuerwehr durch blockierte elektronisch gesicherte Tore nicht gewährleistet wurde, sei von Bonn aus nicht zu bewerten und im Einzelfall auch keine Angelegenheit der Bundesnetzagentur, sondern eine Frage der betrieblichen Sicherheit.

Der Zuwachs der regenerativen Energien hat laut Bundesnetzagentur keinen maßgeblichen Einfluss auf die Versorgungssicherheit. Der SAIDI-Index, der Unterbrechungen listet, deute auf eine erhöhte Stabilität bei der Versorgung durch Sonne, Wind, Biogas und Wasser hin, so Wulff. Der NDR hatte am Sonntagnachmittag berichtet, dass die Ursache der Versorgungspanne am Sonntag möglicherweise durch Unregelmäßigkeiten bei der Stromeinspeisung entstanden sei, was sich sogleich als falsch herausstellte.

Stefan Tenbohlen, Institutsleiter des Instituts für Energieübertragung und Hochspannungstechnik an der Uni Stuttgart, spricht gegenüber shz.de hinsichtlich möglicher Versorgungsprobleme durch die Energiewende von einem „riesig großen Infrastrukturproblem“. Der Professor hält es für möglich, dass durch in Zukunft strukturbedingt Stromausfälle häufiger auftreten. Problem sei vor allem der träge Netzausbau, der in Verbindung mit dem raschen Ausbau der erneuerbaren Energiegewinnung und dem Rückbau der konventionellen Kraftwerke in eine kritische Phase laufe. All das habe natürlich mit dem Fall in Flensburg nichts zu tun. Solche Fälle mit Vögeln kämen immer wieder vor – allerdings primär im Mittelvoltbereich von etwa 6000 Volt. Im Hochspannungsbereich seien Geschehnisse wie diese sehr selten, da die Vögel die Spannung vorher bemerkten.

Während des Stromausfalls war die Notrufnummer der Polizei ungewöhnlich hoch frequentiert, berichtete der Polizeisprecher weiter. Es hätten vor allem Menschen angerufen, um mitzuteilen, dass ihre Kaffeemaschine nicht funktioniere. „Dadurch hingen wirklich wichtige Notfälle aber in der Warteschleife fest. Das war extrem ärgerlich“, sagte er.

Einige Anwohner hatten am Morgen von einem Knall, andere von einem Zischen auf dem Gelände der Stadtwerke berichtet. Die alarmierte Berufsfeuerwehr hatte zunächst Schwierigkeiten, auf das durch Schranken und Tore gesicherte Gelände zu gelangen. Erst mit einer Notentriegelung der Anlagen war es den Brandschützern möglich, auf das Betriebsgelände zu gelangen. Die Kameraden konnten dort kein offenes Feuer feststellen.

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Foto: Karsten Sörensen
 

Kurz vor zehn Uhr gab Stadtwerke-Sprecher Peer Holdensen Entwarnung. Die Umschaltvorgänge hätten etwas länger gedauert, aber beginnend mit dem Flensburger Norden sei die Stromversorgung Stück für Stück wieder aufgebaut worden. Gegen 10 Uhr hatte Flensburg wieder Strom.

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Foto: Iwersen

Über Facebook berichten einige unserer Leser von Ausfällen der Kabel-Fernsehnetze und Internet-Anschlüsse in mehreren Teilen des Landes. Das digitale Kabelnetz in Glücksburg und Flensburg funktioniert seit etwa 10.30 Uhr wieder.

Die Stadtwerke selbst informierten ihre Kunden am Morgen nicht über den Vorfall. Die Website war durch den Stromausfall ebenfalls lahmgelegt. Als sie anschließend wieder online ging, fehlte jeder Hinweis auf den Stromausfall. Erst am Montag wurden die Kunden informiert.

Wir haben nun den Fehler finden können, der gestern zu dem Stromausfall geführt hat:Im zentralen Umspannwerk des...

Posted by Stadtwerke Flensburg GmbH on  Montag, 10. August 2015

Probleme gab es auch bei den Krankenhäusern. Hier mussten die Notstromaggregate die Versorgung der Intensivstationen und OP-Räume übernehmen. Mitarbeiter der Notaufnahme der Diako in Flensburg waren auf Papier und Bleistift für die Patientendaten angewiesen, weil die PC-Anlagen nicht mehr funktionieren. Mitarbeiter der Rettungsdienste wurden aus Sicherheitsgründen am Krankenhaus positioniert, um im Bedarfsfalle schnelle Hilfe zu leisten, die Verbindung lief nur über einige Mobilfunkgeräte,deren Sendemasten die durch den Stromausfall nicht betroffen waren.

<p>Die Zentrale Notaufnahme der DIAKO während des Stromausfalls vom 9. August 2015.</p>

Die Zentrale Notaufnahme der DIAKO während des Stromausfalls vom 9. August 2015.

Foto: Karsten Sörensen

Auch auf Sylt hatte der Stromausfall folgen. Inselweit war am Sonntagmorgen in etlichen Haushalten das Kabelfernsehen von Kabel Deutschland ausgefallen, Fernsehen über andere Anbieter, Satellit oder DVB-T funktionierte dagegen einwandfrei. Während das Problem für einige Sylter Kabel-Deutschland-Kunden schon mittags behoben werden konnte, hielt die Störung bei anderen bis zum späten Nachmittag an.

Kabel Deutschland bestätigte am Montag, dass es durch den Ausfall der Stromversorgung bei den Stadtwerken im Bereich Flensburg und Umland zwischen 08.25 und 10.20 Uhr zu einem Ausfall des TV- und Hörfunkempfangs sowie der Internet- und Telefonverbindungen gekommen ist. Betroffen waren rund 84.000 Haushalte mit Kabelanschluss in den Gebieten Flensburg, Eckernförde, Kappeln, Niebüll, Schleswig sowie auf Sylt. Eine Betriebsstelle von Kabel Deutschland in Flensburg sei durch den zweistündigen Strom-Blackout ausgefallen.

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erstellt am 10.Aug.2015 | 16:07 Uhr

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