150 Jahre Flensburger Tageblatt : Strom für Theater und Straßenbahn

Stadtbild prägend: Das damals neue Kraftwerk von der Wasserseite aus gesehen.
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Stadtbild prägend: Das damals neue Kraftwerk von der Wasserseite aus gesehen.

1913 ging das erste städtische Kraftwerk am Hafen in Betrieb. Anfangs waren nur wenige tausend Haushalte ans Netz angeschlossen.

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16. Mai 2015, 15:37 Uhr

Flensburg | Vor wenigen Tagen hat der neue Kessel 12 seine Druckprüfung durch den TÜV bestanden. Wenn er Ende nächsten Jahres in Betrieb geht, beginnt eine neue Ära bei den Stadtwerken. Dann werden Strom und Fernwärme zu einem großen Teil mit Gas erzeugt. Rund 100 Jahre vorher, nämlich im August 1913, wurde auf dem Grundstück an der Batteriestraße das erste städtische Kraftwerk eingeweiht. Das Gebäude prägt heute noch die Silhouette der Stadtwerke.

Die gab es damals noch nicht als Unternehmen – eine zentrale Stromversorgung indes schon, wenn auch nur für wenige tausend Flensburger, die im Stadtgebiet südlich des Nordermarktes lebten. Nur für diesen Teil Flensburgs hatte das „Electricitätswerk“ an der Karlstraße, die im Johannisviertel parallel zum Bahndamm verläuft, eine Lizenz. Dieses privat betriebene Werk ging 1894 in Betrieb; eine wesentliche Triebfeder war seinerzeit die Einweihung des neuen Stadttheaters, das unbedingt mit Strom beleuchtet werden sollte. Flensburger Theaterfreunde mussten bei Besuchen im alten Theater oft mit Hitzewallungen und Schwindelanfällen kämpfen, die von den Gaslampen herrührten, die das Theater bisweilen auf bis zu 30 Grad erhitzten. Als 1894 bei „Wilhelm Tell“ 1000 elektrische Leuchten das dramatische Geschehen illuminierten, war die Begeisterung immens.

In weiser Voraussicht hatten die Stadtväter unter dem Langzeit-OB Wilhelm Toosbüy die Lizenz für die privaten Stromerzeuger und -verkäufer begrenzt – und selbst ein Auge auf diesen lukrativen Markt geworfen. Als Gelände hatten sie ein Grundstück an der Batteriestraße beziehungsweise am Strandweg ausgeguckt, gleich neben dem ebenfalls privat betriebenen Gaswerk. Hier gab es Kaianlagen, hier gab es ein Bahngleis, hier baute die Stadt zur Freude ihrer Bürger ein neues Kraftwerk mit modernem Drehstrom. Man übernahm 3300 Kunden vom stillgelegten E-Werk in der Innenstadt, das 20 Jahre lang die Luft mit Kohlenstaub und Rauchgasen verpestet hatte.

Im April 1912 war Baubeginn. Ein Teil des Grundstücks musste erst aufgeschüttet werden, das Gebäude selbst benötigte wie so viele andere in der Nähe des Hafens eine aufwendige Pfahlgründung. Schon am 1. August 1913 ging das Kraftwerk in Betrieb – vier Wochen, bevor es als „Kraftwerk Flensburg GmbH“ handelsrechtlich eingetragen wurde. Einer der wichtigsten Stromabnehmer war die elektrische Straßenbahn.

Und wiederum war das bei den Bürgern so beliebte Theater Nutznießer der modernen Stromversorgung in der Stadt. Offenbar war nur 20 Jahre zuvor bei der Erstinstallation der elektrischen Anlagen im Musentempel etwas gepfuscht worden. „Als der erste Direktor des Kraftwerks, Wilhelm Ihlefeld, die Beleuchtungsanlage des Theaters inspizierte, glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können“, schreibt Hans-Jürgen Prinz in seiner „Geschichte der Stadtwerke Flensburg GmbH“ von 1994. „Die elektrischen Installationen waren in einem derart schlechten Zustand, dass sie den Sicherheitsstandards in keiner Weise genügten.“ Doch schon am 21. September 1913 beleuchtete eine nagelneue Lichtanlage die Premiere von Shakespeares „Was ihr wollt“.

Doch die neue Energie, die nach und nach in immer mehr Stadtvierteln zur Verfügung stand, hatte auch einen positiven gesundheitlichen Effekt. In den kleinen Klassenzimmern der Volksschulen, wo zum Teil 50 bis 60 Kinder unterrichtet wurden, sorgten die bis dato benutzten Gaslampen für schlechte Luftverhältnisse. Damit war Schluss, als nach den höheren Schulen auch die Volksschulen auf elektrisches Licht umgerüstet worden waren.

Doch kaum war der Strom bei den Bürgern richtig angekommen, gab es auch schon erste Engpässe und Rationierungen: Der Erste Weltkrieg sorgte für Personalnot, weil viele Mitarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen wurden, und ebenfalls für wachsende Probleme bei der Beschaffung der Kohle. Gleichzeitig verdoppelte sich in den Kriegsjahren der Stromverbrauch, weil immer mehr Gebäude an das Netz angeschlossen wurden.

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