Projekt in Flensburg : Stricken gegen die Gewalt und das Schweigen

shz_plus
Frauke Tengler (li.v.) und Ursula Schele (r.v.) gemeinsam mit den Teilnehmern des Kreativtreffs.

Frauke Tengler (li.v.) und Ursula Schele (r.v.) gemeinsam mit den Teilnehmern des Kreativtreffs.

Mit Strick-Quadraten und einer großen Decke setzen Flensburger Frauen ein starkes Zeichen.

Exklusiv für
shz+ Nutzer

shz.de von
05. Dezember 2018, 18:00 Uhr

Flensburg | 144 Quadrate werden für die Decke benötigt. Jedes einzelne Quadrat misst 20 mal 20 Zentimeter. Es gehe um die Gemeinschaft, erzählen die Frauen vom Kreativtreff im ADS-Grenzfriedensbund „Haus der Familie“. Wochenlang haben sie gestrickt. Die Vorsitzende des ADS-Grenzfriedensbund e. V., Frauke Tengler, sowie die Geschäftsführerin, Michaela Oesser, hatten es ihnen gleich getan. Das Ergebnis lässt sich sehen und setzt ein starkes Zeichen der Solidarität. Denn mit ihrer Strickarbeit unterstützen die Teilnehmerinnen das Projekt „Stri(c)kt gegen Gewalt“ und sensibilisieren so für ein Thema, das heute noch immer an der Tagesordnung ist.

Die Idee selbst stammt aus Schwäbisch Hall und wurde dort vom „Runden Tisch Gewalt gegen Frauen, Frauen gegen Gewalt“ entwickelt. Das Petze-Institut für Gewaltprävention hat die Kampagne dann nach eigenen Angaben nach Schleswig-Holstein gebracht. Hinter der Initiative stehen neben dem Institut auch der Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein e.V., der LandesFrauenRat Schleswig-Holstein e.V., Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein e.V., die Landeshauptstadt Kiel mit dem Referat für Gleichstellung sowie der Paritätische Schleswig-Holstein.

Deutschlandweit wurden 69.000 Frauen im vergangenen Jahr Opfer einer einfachen Körperverletzung, fast 12.000 erlebten eine schwere Körperverletzung. 364 Frauen wurden umgebracht. Und von den rund 3000 Fällen häuslicher Gewalt, die 2017 in Schleswig-Holstein registriert worden sind, waren Frauen in 95 Prozent der Fälle Opfer. Zwar betont Ursula Schele vom Petze-Institut in Kiel und zugleich Verbandsvorsitzende vom Paritätischen in Schleswig-Holstein, dass die Gewalt gegen Frauen immer weiter zurückgehe. Auch sei der Ausstieg aus der Gewalt heute viel leichter als früher. Gleichwohl: Das Thema bleibt. Und oft bleibt es auch unausgesprochen.

Versteigerung zugunsten der Anti-Gewalt-Arbeit

Gerade hier setzt die Aktion, hinter der unter anderem Schele als einer der Initiatorinnen steht, dann auch im Kern an. „Der Hauptzweck der Decken ist tatsächlich das Tun“, erklärt sie, als sie am Mittwoch in Flensburg die Decke des Kreativtreffs entgegennahm. Denn die Decken und gestrickten Quadrate der verschiedensten Gruppen in Deutschland sollen nicht nur ein Zeichen sein. Vielmehr falle es Schele zufolge auf diese Weise leichter, auch über unangenehme Themen miteinander ins Gespräch zu kommen – eben beim Stricken. Dabei verweist sie auf traumatisierte Menschen. „Wir versuchen die Frauen zu ermutigen, mitzuteilen, was ihnen passiert“, so Ursula Schele weiter. In Schleswig-Holstein, wo die Zahl der geflohenen und vertriebenen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg besonders groß war, gebe es „eine Tradition, sich um traumatisierte Menschen zu kümmern“. Allerdings werde diese Tradition dann ebenfalls vor allem von Frauen weitergegeben.

Der Einsatz der Decken und gestrickten Quadrate ist vielfältig. Manche werden versteigert, so soll es auch mit der Flensburger Decke geschehen. Die Erlöse sollen der Anti-Gewalt-Arbeit zugute kommen. Daneben würde mit den Decken aber auch versucht, Orte neu zu beleben, an den Frauen Opfer von Gewalt geworden seien, erzählt Schele.

Mehr Informationen zu der Aktion gibt es hier.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen