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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Streit um den Krieger in der Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Helden-Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg in St. Marien entzweite Kirche und Militär.

Flensburg | Rote-Punkt-Aktionen, Demonstrationen gegen die USA im Vietnam-Krieg, Blockade des Zeitungshauses – auch Flensburg hatte seine unruhigen 60er Jahre. 1966 wurde ein Streit ausgetragen, der viele Bürger verletzte. Sie fühlten sich – ausgerechnet von Pastoren – außerhalb der Gemeinschaft der Kirche gestellt, auch wegen ihres Einsatzes als Soldaten im Zweiten Weltkrieg mit Vorwürfen konfrontiert. Flensburg erlebte eine mit großer Bitterkeit geführte Diskussion.

Gestritten wurde um die Figur des Kriegers in der St. Marien-Kirche, die Skulptur eines liegenden Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett samt Helm, mit der die Gemeinde einst an die Gefallenen des in den Kasernen auf Duburg stationierten Füsilierregiments 86 (86er) erinnern wollte. Diese Skulptur hatte ihren Platz in einer eigens 1920 eingerichteten Kapelle der großen Kirche.

Den Sinn eines solchen Denkmals stellten drei Pastoren in Zweifel – und gingen dabei so konsequent vor, dass sie die Forderung aufstellten, der „Krieger“ müsse aus der Kirche entfernt werden. Am 24. Januar 1966 kam das Thema auf die Tagesordnung des Kirchenvorstandes unter der harmlosen Überschrift „Erledigung anstehender Bauarbeiten.“

Die Zeit der außerparlamentarischen Opposition zog gerade herauf: In Berlin tobten die Demonstrationen gegen den Schah, Che Guevara wurde von manchem Demonstranten als Vorbild verehrt, Studenten wollten den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ lüften. So atmete die Forderung der drei Pastoren Gerhard Jastram, Dr. Krause und Friedrichs etwas vom Zeitgeist, mit der sie im Januar 1967 in die Öffentlichkeit gingen: Raus mit dem Krieger aus der Kirche – sie ist kein Ort, um Gefallener zu gedenken.

Viele ehemalige Soldaten und Angehörige von Gefallenen des Zweiten Weltkriegs fühlten sich durch diese Forderung brüskiert, vor den Kopf gestoßen und ausgegrenzt. Zu ihnen, die ihr Leben im Krieg riskiert oder verloren hatten, ging die Kirche auf Distanz. Ehemalige Soldaten waren schwer getroffen. Die Bitte um einen Gottesdienst zum Gedenken an das ehemalige Regiment wurde erst kontrovers in der Gemeinde diskutiert, der Wunsch nach einer Kranzniederlegung mit dem Hinweis auf die ungeklärte Situation abgelehnt.

Die Diskussion schwelte zunächst in Leserbriefspalten, kleinen Diskussionsforen, in Gemeindevorständen und anderen innerkirchlichen Zirkeln, nahm aber im Frühjahr 1967 volle Fahrt auf. Dass manchmal auch auf einem albernen Niveau diskutiert wurde, zeigt die Beschäftigung mit der steinernen Skulptur: Der Gesichtsausdruck des Soldaten sei stur, meinten die Gegner. Nein, er zeige „ruhige Gesichtszüge“, empfanden die Befürworter. Im Niveau ging es durchaus noch etwas flacher: Die geformte Faust sei eine „Schlage-Faust“ kritisierten die Gegner. Nein, eben nicht, hielten die Befürworter dagegen, denn der Daumen liege außen an der Faust. Und die Kritik an der militaristischen Ausstattung mit Gewehr und Helm wurde lapidar mit der Gegenfrage gekontert: „ Wie hätte man ihn denn sonst anziehen sollen?“

St. Mariens Pastor Jastram formulierte seine Gründe für die Beseitigung des Kriegers in Thesen: Eine Kirche habe den ausschließlichen Zweck, der um Wort und Sakrament versammelten Gemeinde Raum zu geben. Alles, was diesem Zeck nicht dient, müsse entfernt werden. Eine Unterscheidung zwischen dem Tod im Krieg und dem gewöhnlichen Sterben könne es für den Glaubenden nicht geben. Der Friede Gottes und die Versöhnung würden allein durch die Predigt mitgeteilt. Symbole könnten nichts vermitteln, denn sie seien stumm und ließen sich jede Deutung gefallen. Das Volk Gottes lebe in allen Nationen, deshalb habe die Kirche den Auftrag, für Friede und Versöhnung unter den Völkern einzutreten. Darum widerspreche es ihrer Sendung, wenn sie Stätten Platz gebe für ehrendes Angedenkens an nationale Auseinandersetzungen.

Die Reaktion auf den Vortrag und die Thesen Jastrams hatte die volle Bandbreite – von der Ablehnung bis zum Lob. Erst seit Beginn des Dienstzeit Jastrams in St. Marien gebe es Kritik an der Kapelle, lautete ein Vorwurf. Ein Bundeswehr-Hauptmann kritisierte: Es könne etwas nicht stimmen, wenn ein Pastor, der sich selbst als Tröster bezeichnet, das Weltbild ganzer Generationen zerstöre, „anstatt etwas Vernünftiges zu tun“.

Es wurde noch schärfer. Oberst Freiherr von Rosen, Vorsitzender des Vereins der 86er, warf den Pastoren die Aufstachelung der jungen Gemeinde vor. Eine Zusammenkunft mit den drei Pastoren sprengte er mit der Bemerkung: „Wir Soldaten verstehen es, zu kämpfen. Der unerfreulichste Kampf sei der Partisanenkampf – hinterhältig, heimtückisch und aus dem Versteck heraus geführt.“ Die Pastoren verließen das Treffen.

Der Glücksburger Prinz Friedrich Ferdinand, erster Sprecher der Soldaten- und Kriegsopferverbände, forderte das Gedenken ein. Erinnerung an die Gefallenen sei keine Heldenverehrung, sondern „die Pflicht, derer zu gedenken, die ihr Leben ließen.“ Im übrigen sei den ehemaligen Angehörigen des 86er-Regiments ein Gottesdienst für sie und ihre Angehörigen in ihrer Garnisonskirche verwehrt worden. Die Kranzschleife von 1920 sei in St. Marien nicht angenommen worden und habe einen Platz in St. Nikolai gefunden.

Es war dann Sache des Kirchenvorstands von St. Marien, sich mit den Argumenten und den Anträgen auf Entfernung oder Beibehaltung der Kapelle auseinander zu setzen – eine Aufgabe, von der sich der Vorstand überfordert fühlte. So suchten sich die Mitglieder hochrangige Schiedsrichter, die eine Entscheidung auf den Weg bringen sollten: die Professoren der theologischen Fakultät der Universität Kiel. Ein Gutachten von ihnen sollte klären: Haben Heldengedenkstätten etwas in Kirchen zu suchen?

Der Weg nach Kiel half dem Kirchenvorstand von St. Marien auch nicht weiter, weil auch die Professoren untereinander in Streit gerieten: Sechs stimmten den drei Flensburger Pastoren zu, vier lehnt ihre Auffassung ab. Das politische Klima wird gekennzeichnet durch das Datum der Veröffentlichung: 6. Juni 1967. Am Abend vorher war bei einer Demonstration in Berlin Rudi Dutschke erschossen worden.

Die parallel entstandenen Kompromissvorschläge zur Gestaltung der Kapelle – raus mit dem Krieger aus der Kirche, Entfernung der vaterländischen Sprüche, Beibehaltung der Listen mit Namen von Gefallenen und Kriegsopfern – setzten sich schließlich durch. Der liegende Krieger fand einen neuen Platz, zunächst draußen im Pastoratsgarten der Kirche. Die Gemüter beruhigten sich wieder. Die Gemeinde verschenkte die Skulptur später an die Arbeitsgemeinschaft der Kriegsopfer- und Kriegsteilnehmerverbände, die sie auf einem Privatgrundstück unterbringen wollte. Anfang Oktober 1972 rückten Bundeswehr-Soldaten an, um die Skulptur abzutransportieren.


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erstellt am 20.Sep.2015 | 14:00 Uhr

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