Obdachlose in Flensburg : Straßenmagazin Hempels: 90 Cent für den Verkäufer

Die Verkäufer des Straßenmagazins haben ihren Stammplatz in der Stadt, wie hier vor der Flensburg-Galerie am Südermarkt.
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Die Verkäufer des Straßenmagazins haben ihren Stammplatz in der Stadt, wie hier vor der Flensburg-Galerie am Südermarkt.

Seit Ende der 90er-Jahre bieten Obdachlose ihr Straßenmagazin in Flensburg an und verdienen so ein kleines Zubrot. Um Verkäufer zu werden, müssen sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

shz.de von
29. Juli 2015, 14:30 Uhr

Glücksburg | Dieses Magazin gibt es nur auf der Straße: Hempels – das Medium, das Menschen ohne Obdach eine Stimme gibt. 1996 entstand das in Schleswig-Holstein monatlich erscheinende Heft und wurde von Wohnungslosen für Wohnungslose gemacht. Seit 1997 ist es auch in Flensburg zu bekommen.

Michaela Ketelsen hat die Ruhe weg. Gelassen beantwortet sie die Fragen einiger Männer, bevor sie für das Gespräch mit dem Tageblatt die Bürotür schließt. Die Sozialpädagogin ist Anlaufstelle für 20 Hempels-Verkäufer in Flensburg und Umgebung. Im Tagestreff des Diakonischen Werks gibt die Frau mit den blonden Haaren mit zwei Kolleginnen das Magazin an die Händler aus. Für 90 Cent übernimmt jeder so viele Exemplare, wie er meint veräußern zu können. Für 1,80 Euro gibt jeder Verkäufer das Heft auf der Straße weiter. Bleiben welche übrig, nimmt Kiel bis zu zehn Hefte am Monatsende zurück.

Doch bis ein Verkäufer das weiße Heft mit dem roten Titel anbieten kann, muss er einige Voraussetzungen erfüllen. Der Konsum von Suchtmitteln wie auch das Betteln sind untersagt. Mehr als die Grundsicherung von zurzeit knapp 400 Euro darf der Verkäufer monatlich nicht zum Leben haben. Wohnungslos muss er oder auch sie allerdings nicht mehr sein. „Die Hälfte ungefähr hat eine Unterkunft, aber eben kein Einkommen“, sagt Ketelsen. In der Ausgabestelle erklärt sich der künftige Verkäufer mit den Bedingungen einverstanden. Mit den Schriftstücken wird ihr Lichtbild an die Redaktion in Kiel geschickt. Stimmen alle Voraussetzungen und ist der Verkäufer nur bei einer Ausgabestelle registriert, erhält er einen Ausweis, der beim Verkauf gut sichtbar zu tragen ist. Die Stadt Flensburg erteilt jedem Verkäufer zudem eine Sondernutzungserlaubnis.

Seit Mitte 2013 verkaufen auch Menschen aus Osteuropa das Magazin. Ketelsen: „Acht der 20 Verkäufer kommen aus Rumänien und auch Polen. Sie haben kein Einkommen.“

Bevor sich ein Hempels-Verkäufer in den Eingang eines Supermarktes oder vor ein Geschäft stellen kann, braucht er das Einverständnis des Marktleiters oder Ladeninhabers. Die Verkäufer des Straßenmagazins Hempels stehen üblicherweise an belebten Orten in der Stadt. Jeder Verkäufer hat seinen Stammplatz. Nutzt er den gerade nicht, kann ein Kollege dort verkaufen, muss allerdings weichen, wenn der Stammverkäufer kommt.

Anfang 2000 sei die Fluktuation unter den Verkäufern deutlich höher als jetzt gewesen, sagt Ketelsen. Inzwischen blieben viele Verkäufer dabei. Sie freuten sich über den strukturierten Tag, das Zubrot und die sozialen Kontakte im Tagestreff und beim Verkaufen. Sich öffentlich zur Armut oder auch Wohnungslosigkeit zu bekennen brauche eine gewisse Stärke, erklärt Ketelsen: „Der Verkäufer muss lernen, sowohl mit den positiven als auch negativen Reaktionen der Menschen umzugehen.“ Eine veränderte Stimmung gegenüber den Verkäufern kann Ketelsen, die seit zehn Jahren hauptamtlich beim Tagestreff arbeitet, nicht erkennen. Die Bemerkungen reichten von „Geh arbeiten“ bis zu Hilfsangeboten. Manche spendeten einen Becher mit Kaffee, Hundefutter oder böten sogar eine Wohnung an. Es klopft an der Bürotür. Ein Tagestreff-Besucher hat keine Zeit mehr zu warten und bringt sein Anliegen vor. In ruhigem Zwiegespräch erfüllt ihm Ketelsen den Wunsch.

www.hempels-sh.de

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