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20 Jahre Mercedes-Stammtisch : Sternfahrt in den Mai

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Klassikertreffen und Rundfahrt - Autohändler Klaus und Co. öffnet den betagten Marken-Botschaftern die Werkstatt.

„Was wollen Sie von meiner Frau?“ fragte Sepp Lichtenstern den jungen Mann auf dem Parkplatz. Der hatte in der Tat gerade eine Dame angesprochen, allerdings mit besten Absichten. Gunnar Christiansen hieß der Bursche, und er hatte Interesse an dem weißen Mercedes Strich-Acht, mit dem die Lichtensterns zum Einkaufen gefahren waren. Die Begegnung vor 20 Jahren sollte Folgen haben. Lichtenstern und Christiansen begründeten danach den Flensburger Mercedes-Stammtisch der regelmäßig und dieses Jahr zum 20. Mal die Klassiker-Rallye „Benz in den Mai“ organisiert. Wenn traditionell der 1. Mai zur Rundfahrt ruft, ist der Lichtenstern-Mercedes aus dem Baujahr 1975 selbstverständlich dabei.

Die Anekdote, sagt der Strich-Acht-Lenker, war typisch für die Anfangszeit des Freundeskreises klassischer Mercedes-Automobile. Soziale Netzwerke gab es noch nicht, das Internet war Neuland und eher locker besiedelt. „Wir sind tatsächlich unter die Leute gegangen, haben gefragt, kleine Zettel mit unserer Telefonnummer unter die Wischerblätter geklemmt“, sagt Christiansen. Daraus ist eine robuste Veranstaltung geworden.

Was 1995 von 2015 unterscheidet, ist weniger die Quantität als die Qualität der teilnehmenden Fahrzeuge. 1995 hatten einige Mitglieder eine entscheidende Frage im Leben eines Oldtimer-Liebhabers noch nicht für sich beantwortet: „Fährst Du ihn nur auf, oder willst du von jetzt an auf ihn aufpassen?“ In diesem Spannungsfeld gab es die zu erwartenden Verluste. Viele Automobile landeten als Teileträger auf der Halde, viele in der Schrottpresse. Aber etliche kamen auch durch, wie am 1. Mai zu besichtigen sein wird. In diesem Jahr rechnet Lichtenstern mit 39 gepflegten Fahrzeugen aus den Jahren 1948 bis 1982.

Die Frage, warum die Liebhaberei für die Stuttgarter Marke reserviert ist, hat für die meisten etwas mit kindlicher Prägung zu tun. Klein Gunnar (Christiansen) entdeckte die weite Welt da draußen auf Urlaubsreisen durchs hintere Seitenfenster von Papas Mercedes 200 D. Rainer Bruckhaus erfüllte sich als Späteinsteiger einen in jungen Jahren unerfüllbaren Traum. „Wir hatten nie ein Auto“, sagt er. Es war die Sehnsucht, die ihn zum Süchtigen machte. Er sammelte Prospekte in Autohäusern, drückte sich an den Scheiben der Vorführfahrzeuge die Nasen platt. Sein Stern ging auf einer Werbeverkaufsveranstaltung auf, wie sie sich in den späten 70er-Jahren nur der Premium-Markenführer erlauben konnte: Zur Einführung der neuen Mittelklasse W 123 veranstaltete Klaus & Co. in Flensburg Rundfahrten für das werte Käuferpublikum. „Auf dem Fahrersitz saß der Meister. Wir anderen fuhren nur mit“, erinnert sich Bruckhaus. Das Entscheidende für ihn war nicht der Meister, das entscheidende war der Klang. „Ich habe Autos immer mit dem Ohr beurteilt. Der charakteristische Klang im Wageninneren, die Türen, wenn sie ins Schloss fielen. Ich habe damals das erste Mal einen Sechszylinder im Mercedes gehört.“ Die Spätfolge: 2012 widersetzte sich Bruckhaus seiner vernünftigen Frau und kaufte den einzigen und letzten Straßenkreuzer aus dem Stuttgarter Sternenreich: eine top gepflegte S-Klasse aus dem Jahr 1977 in der Traumkombination aus üppigen Plüschpolstern in beige und Lack in Zypressengrün. Und der Klang ist auch in Ordnung. Bruckhaus fährt einen 450 SE-Achtzylinder.

Hinter jedem Benz, der am Freitag in den Mai fährt, steht eine vergleichbare Geschichte. Und hinter Bruckhaus steht die Gemeinschaft der Gleichgesonnenen, die sich jeden vierten Montag im Flensburger Kontraste zum Stammtisch trifft. Um den Nachwuchs macht sich Sepp Lichtenstern keine Sorgen. Die Welle der nächsten Benz-Fahrzeuge, die das Zeug zum Klassiker haben, rollt schon. Frühe Baujahre der als „Baby-Benz“ gestarteten Baureihe W 201, der Mittelklasse W 124 und der dazu gehörigen S-Klasse haben das Mindestalter von 30 Jahren erreicht.

Wer die Sterne bestaunen möchte, hat am 1. Mai bei der Mercedes-Niederlassung Klaus & Co Gelegenheit dazu. Traditionell führt der Weg des Konvois in die Liebigstraße 2, wo traditionell der mittlerweile in Rente gegangene Meister Walter Kunstmann („Er hat kein einziges Mal gefehlt!“) um 10.45 Uhr die Werkstatt öffnet und die Veteranen auf die Bühne nimmt.

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erstellt am 27.Apr.2015 | 10:26 Uhr

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