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Stadtgeschichte in Flensburg : Stein erinnert an Unternehmerfamilie

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dieter Pust löste das Rätsel: Buchbinder und Ziegeleibesitzer ließen ihre Initialen verewigen - der Fundort Harniskaispitze legte die falsche Spur.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2017 | 05:37 Uhr

J H M W 1775 – ein Findling an der Harniskaispitze mit vier eingemeißelten großen Buchstaben und einer Jahreszahl gab Rätsel auf. Der Fundort führte auf die falsche Spur, sodass das gewichtige Fundstück schon mit dem falschen Namen „Harnisstein“ benannt wurde. Dem Stadthistoriker Dr. Dieter Pust ist es gelungen, das Geheimnis zu lüften.

Vor gut einem Jahr entdeckte der Landschaftsplaner Manfred Demuth in der Böschung an der Harniskaispitze den großen Feldstein. Die Buchstaben führten Pust auf die Spur: Das J steht für Johann, das H für Hans. Das W steht für den Familiennamen Wolck. Diese Initialen führten Pust auf die Spur für seine Recherchen. Von den Namen konnte er auf den Besitz der Flensburger schließen und damit auf ihre Unternehmungen. Mit den Initialen sind drei Generationen der Flensburger Unternehmerfamilie Wolck verewigt worden.

Ein Buchbinder repräsentiert die erste Generation: Jens Hansen Wolck. Überliefert ist von ihm das Jahr 1736 als Todesjahr.

Sein Sohn, Johann Hansen Wolck, , hatte eine nicht alltägliche Karriere: Wie sein Vater war er Pergamentemacher bzw. Buchbinder. Der Bürgermeister befreite ihn als Gesellen von der dreijährigen Wanderschaft, und so konnte Johann Hansen Wolck 1735 sein Meisterstück vorlegen und als Jung-Meister ins Amt – in die Handwerkszunft – aufgenommen werden. Schon fünf Jahre später war er Ältermann. In seinem Beruf als Pergamentemacher arbeitete er nicht mit Holz und Papier, sondern mit feinen Tierhäuten, die er offenbar in hoher Qualität selbst herstellt – durch die Lohgerberei. Dieses Verfahren brachte ihn in Konflikt mit den Schustern, die diese Konkurrenz abwehren wollten. Es kam zum Streit, der Magistrat der Stadt musste entscheiden. Dies geschah zugunsten von Johann Hansen Wolck: Er durfte sein eigenes Pergament herstellen. Über Meister Wolck fand Dr. Pust noch den Hinweis, das er zu seinem Gewerbe ein altes Pferd brauchte, offenbar zum Betrieb der Walkmühle, in der das Leder dünn und zart wurde. Wegen der Bereitung seines Leders wurde Wolck sogar in Fachkreisen gerühmt.

Nicht überliefert ist, ob dem Meister die Einnahmen seines Berufes nicht reichten, ob er eine neue Profession suchte oder ob er eine gute Gelegenheit nutzte: Im Jahr 1747 kaufte er von Hans Gammel aus Gross-Solt „den Gebrauch des Ziegelhofes am Nordertor und dessen Gebäude“. Der Ziegelhof war eine Ziegelei in der heutigen Neustadt. Die genau dokumentierten Grundstücksverkäufe sind eine wichtige Quelle der Stadtgeschichte und dort fand Dr. Pust weitere Hinweise auf den Ziegeleibesitzer. In späteren Jahren erwarb er eine Lücke (Feldstück) außerhalb des Nordertors sowie einen Garten und Kohlhof.

Die Freude an der Ziegelei dauerte nicht sehr lange. Über ihren Inhaber ist noch überliefert, dass der Mann zehn Jahre lang „in schwersten Leibes- und Gemütsumständen“ war. Diese Worte deutet Dr. Pust als alte Umschreibung einer Demenz. Für die Familie bedeutete das: Ehefrau Christiane geb. Edleffsen (1715 – 1779) musste ab 1763 in das Geschäft einsteigen. Offenbar wurde sie dabei von ihrer Tochter Margarethe stark unterstützt. 1773 starb der Ziegelmeister Jens Hansen Wolck, vier Jahre später auch seine Frau Christiane. Voll im Geschäft war Tochter Margarethe, die 1979 Besitznachfolgerin wurde (Initialen M.W. auf dem Stein).

So erinnert der Stein an drei Generationen der Unternehmerfamilie: Jens Hansen Wolck, Johann Hansen Wolck und Margarethe Wolck. Gestaltet wurde der Stein 1775 zur Erinnerung an die Familie. Dr. Pust nennt ihn einen „Gedächtnisstein“. Der Stadthistoriker geht davon aus, dass der Stein seinen Standort bei der einstigen Ziegelei hatte. An die Harniskaispitze kam er vermutlich nach dem Bau des Freihafens zur Uferbefestigung.

 

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