Flensburg : Stadtwerke heizen bald mit Gratis-Strom

Sonnige Aussichten: Maik Render (links) und Frank Kleemann am Fundament des neuen Elektroden-Heißwasserkessels. Foto: Dewanger
Sonnige Aussichten: Maik Render (links) und Frank Kleemann am Fundament des neuen Elektroden-Heißwasserkessels. Foto: Dewanger

Wenn zu viel Windstrom für die Netze produziert wird, bekommt der Stromabnehmer noch Geld dazu

shz.de von
28. Januar 2012, 06:30 Uhr

Flensburg | Wenn der Stromsee überzulaufen droht, wird Energie ganz billig. Stromsee? So nennen Energieexperten die gesamte Menge elektrischer Energie, die in den Stromnetzen vorhanden ist. Und je mehr Windkraft- und Solaranlagen vor allem in Norddeutschland ans Netz gehen, um so häufiger kommt es bei entsprechender Windstärke vor, dass es zu eng wird in den Stromnetzen - und viel Windstrom gar nicht mehr aufgenommen werden kann. "Bislang ist der Netzausbau zur Aufnahme der installierten Kapazitäten vernachlässigt worden", sagt Claus Hartmann von den Flensburger Stadtwerken: "Die Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom orientiert sich nämlich nicht an der Stromnachfrage", erklärt Hartmann, Projektleiter für den neuen Elektroden-Heißwasserkessel (EHK), dessen sieben mal drei Meter großes Fundament an der Batteriestraße gerade fertig geworden ist. Im Herbst soll die Zwei-Millionen-Euro-Investition für 30 Megawatt Wärme fertig sein. Ein Hochfahren des 110-Grad-Boilers von null auf 100 Prozent soll innerhalb von 15 Sekunden möglich sein. Ab Oktober wollen sich die Stadtwerke den überregional bislang vernachlässigten Netzausbau zu Nutze machen - nach eigenen Angaben als erstes Energieunternehmen in Deutschland.

Das Prinzip des Elektroden-Heißwasserkessels erklärt Stadtwerke-Chef Maik Render so: "Je mehr Strom erzeugt wird, desto stärker fallen dank des EEG-Einspeisegesetzes die Preise an der Börse. Und bei Preisen unter zehn Euro macht es Sinn, mit Strom zu heizen." Mittels des neuen Zwei-Millionen-Euro-Heizkessels wollen die Stadtwerke mit dem billigen Strom der Spitzenzeiten den Kessel aufheizen und die so gewonnene Wärme dann direkt ins Fernwärmenetz einspeisen. Da bei Spitzenlast die Stabilität der Versorgung gefährdet wäre, wenn kein Strom aus dem Gesamtsystem gezogen würde, lässt der Strommarkt sich die Abnahme von überschüssigem Strom - zum Beispiel durch den geplanten EHK - sogar selbst etwas kosten: "Im Jahr 2010 gab es 150 Stunden mit negativem Strompreis", erklärt Stadtwerke-Chef Render. Negativer Strompreis bedeutet im Klartext: Dafür dass die Stadtwerke bei höchster Windeinspeisung Strom abnehmen und ihn in Wärme umwandeln, bekommen sie noch Geld dazu. Im Jahr 2010 war dies rechnerisch mehr als eine Woche lang der Fall gewesen. Warum das so ist: "Es ist eben ein subventionierter Zweitmarkt", erklärt Render. Leider kann der Endkunde diesen billigen Strom nicht selbst an der Strombörse kaufen.

Übernommen haben die Stadtwerke diese Idee aus Dänemark, wo die Kraft-Wärme-Kopplung mehr Tradition hat als in Deutschland. Dort sind bereits im Jahr 2005 die ersten von mittlerweile 20 EHK ans Netz gegangen.

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