Stadtwanderung auf den Spuren der Verfolgung

Das Nordertor ist Station 1 der heimatgeschichtlichen Stadtwanderung auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand. Anna und Ludwig Hecker mit dem Wanderführer. Foto: jolly
Das Nordertor ist Station 1 der heimatgeschichtlichen Stadtwanderung auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand. Anna und Ludwig Hecker mit dem Wanderführer. Foto: jolly

Ludwig Hecker stellt neue deutsch-dänische Broschüre mit 19 Stationen vor

shz.de von
27. Juni 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | Ludwig Hecker, Jahrgang 1938, ist ein Kind des Krieges. Von den rund 30 Mitgliedern der Flensburger Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) ist er der letzte, der den Krieg noch erlebt hat: "Ich bin von den Alten in die Pflicht genommen worden, diese Geschichte weiterzutragen", sagt Hecker, der viele von jenen Verfolgten des Nationalsozialismus noch kannte, die das Glück hatten, den zwölfjährigen Terror zu überleben.

Diese Pflicht hat er jetzt wieder einmal eingelöst. Und sogar den Ort der Präsentation hatte Ludwig Hecker pefekt gewählt: Im "Cafe Zeitlos" unmittelbar am Nordertor stellte er gestern die Broschüre "Auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand 1933-1945 in Flensburg" vor.

Sie enthält zwischen Nordertor und Exe, zwischen Harrislee-Bahnhof sowie dem Harrisleer Cafe Waldheim als Schleusungstreffpunkt oder dem früherem Arbeitsamt Munketoft 7 (Schokoladenfabrik) 19 Orte, an denen es schreckliche Geschichten zu erzählen gibt: Zum Beispiel die Geschichte der sechsköpfigen Sinti-Familie Weiß aus der Norderstraße, an die heute eine Bronzetafel an Haus Nummer 104 erinnert: Sie wurde 1935 in das Notlager an der Valentinerallee zwangsumgesiedelt, 1940 über Hamburg deportiert und später im heutigen Polen ermordet.

Relativ jung sei die Heimatgeschichtsforschung zum Thema Verfolgung Homosexueller. Hier erzählt die Broschüre die Geschichte von Gustav Schreiber, der 1943 in Flensburg bei einer Baufirma arbeitete und der im Haus Holm 39 wohnte. Ein Stolperstein erinnert heute an den Mann, der im Januar 1945 resig niert im KZ Börgermoor starb, nachdem sein Gnadengesuch abgelehnt worden war - es ist einer von mittlerweile 23 Stolpersteinen, die in Flensburg gesetzt wurden. Alle sind in der Broschüre aufgelistet.

Angefangen habe die Suche nach den Orten von Verfolgung und Widerstand vor rund 20 Jahren, als viele Zeitzeugen noch lebten und ihre Erinnerungen weitergeben konnten, berichtet Hecker. Und während die Regionalgeschichtsforschung um die Professoren Gerhard Paul und Uwe Danker eher die Tätersicht untersucht habe, hätte der Verfolgtenverband bewusst die andere Perspektive eingenommen: "Wir wollten eher die Opfersicht darstellen und vertreten."

Und noch etwas ist ganz neu an dem Stadtwanderführer - er ist erstmals zweisprachig auf Deutsch und Dänisch aufgelegt.

Wer sich für den Führer oder die heimatgeschichtliche Stadtwanderung interessiert, kann mit Familie Hecker unter der E-Mail-Adresse vvn-bda-flensburg@versanet.de Kontakt aufnehmen. Auch über die Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung und die Gesellschaft für Stadtgeschichte soll die Broschüre zu beziehen sein. Preis: 5 Euro.

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