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Gedrängel am Container : Stadt drängt ins Lumpen-Geschäft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Technisches Betriebszentrum der Stadt will die exklusive Vermarktung von Altkleidung übernehmen und drängt regionale Klein-Dienstleister aus dem Markt.

shz.de von
erstellt am 02.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Mit einem Vorurteil räumt Werner Frost gleich auf: „Es ist völliger Unsinn zu glauben, dass die in Containern gesammelten Altkleider für den guten Zweck sind.“ Und der 56-Jährige muss es wissen – schließlich betreibt er in Ellingstedt einen kleinen Altkleider-Recycling-Betrieb mit zwei fest angestellten Mitarbeitern. „Im Flensburger Stadtgebiet gehören mir 21 Container, die meine Mitarbeiter und ich ein- bis zweimal wöchentlich leeren.“

Deren Inhalte liefere er danach an einen sogenannten Sortier-Betrieb. Frost: „Mit jeder Tonne unsortierter Altkleider aus Flensburg verdienen wir Recycling-Betriebe rund 400 Euro.“ Ein lukratives Geschäft. Kein Wunder also, dass auch andere Unternehmen ein Stück von dem Kuchen abbekommen wollen. „An den öffentlichen Straßen und Plätzen Flensburgs stehen rund 200 Container, von denen wir fast alle kommerziellen Anbietern zugeordnet haben und die wenigen übrigen dem Deutschen Roten Kreuz“, sagt Wolfgang Herrenkind, Abteilungsleiter „Entsorgung“ beim Technischen Betriebszentrum (TBZ). Dies sei das Ergebnis einer Zählung vom Juli und August dieses Jahres.

Bevor ein Unternehmen seine Altkleider-Container auf öffentlicher Fläche im Stadtgebiet aufstellt, benötigt es eine Genehmigung vom TBZ. Im Gegenzug verlangt das Betriebszentrum Miete für das Aufstellen. „Für jeden aufgestellten Container von kommerziellen Sammlern sind das monatlich 21 Euro“, sagt Ralf Leese, Finanzwirtschafts-Leiter beim TBZ. Den Betrag hat der Verwaltungsrat in der Sondernutzungsgebührensatzung festgeschrieben. Karitative Anbieter wie etwa das DRK sind grundsätzlich von der Gebühr befreit.

Wie Kleinunternehmer Frost bringen auch die übrigen Sammler die Altkleider zu Sortieranlagen. Dort werden zunächst brauchbare von kaputten Textilien getrennt. Ein großer Teil der Altkleider sei allerdings unbrauchbar und werde verbrannt. „Viele Leute nutzen Altkleider-Container, um dort ihren Müll oder nicht mehr tragbare Kleidung zu entsorgen“, sagt Marianne Harasim vom Flensburger Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Die verwertbaren Altkleider hingegen werden in einheitliche Gruppen sortiert, etwa Jeans oder Pullover. Aus den Fasern der nicht mehr tragbaren Textilien werden dann neue Produkte gefertigt, wie Putzlappen. Diese und die tragbaren Altkleider werden zu Ballen gepresst und – oft von einem Drittunternehmen – weiterverkauft. „Die meisten Ballen werden an Unternehmen in Europa verkauft und nicht nach Afrika verschifft, wie gern behauptet wird“, betont Frost.

Der Handel mit den Altkleidern hat Hochkonjunktur und ist laut Frost für einige Beteiligte hochprofitabel. Das hat auch die Stadt Flensburg erkannt: Sie steigt ebenfalls in das Geschäft ein, das sie bislang vollkommen vernachlässigt hat, wie Herrenkind zugibt.

Ab dem 1. März 2014 macht das für die Müllentsorgung zuständige TBZ, ermöglicht durch das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz, von seinem Recht Gebrauch, sich selbst um die Altkleider-Entsorgung zu kümmern. „Wir beauftragen einen kommerziellen Anbieter damit, diese Dienstleistung für uns im gesamten Stadtgebiet zu übernehmen“, berichtet Wolfgang Herrenkind. „Davon versprechen wir uns ordentliche Gewinne und können so die Abfallgebühren stabilisieren.“ Eine Senkung der Gebühren halte er aber für unwahrscheinlich.

Wer künftig im Auftrag der Stadt die Altkleider sammele, stehe derzeit noch nicht fest. „Die Ausschreibungsphase lief von Ende November bis kurz vor Weihnachten, und wir hatten Bewerbungen im zweistelligen Bereich.“ Jetzt gelte es, sich für einen Bewerber zu entscheiden.

Alle anderen Recycling-Betriebe, deren Container derzeit an öffentlichen Straßen und Plätzen stehen, müssen ihre Sammelbehälter bis zum 1. März entfernt haben. Am liebsten würde das TBZ den kommerziellen Altkleider-Firmen auch verbieten, ihre Container auf Privatflächen aufzustellen, etwa auf den Parkplätzen von Supermärkten. Was die Erfolgsaussichten hierfür angeht, hält sich Herrenkind bedeckt. „Die rechtliche Lage ist diesbezüglich noch nicht eindeutig geklärt.“

Karitativen Anbietern erlaubt das TBZ auch weiterhin, Altkleider-Container aufzustellen. Davon macht derzeit in Flensburg aber lediglich das DRK Gebrauch. Ob der gemeinnützige Verein aber tatsächlich weiterhin seine rund zehn Container im Stadtgebiet aufstellen darf, steht noch nicht fest.

Der Grund: Die in den DRK-Containern gesammelten Altkleider kommen nicht unmittelbar karitativen Zwecken zugute, sondern kommerziellen. „Die Firma Efiba übernimmt für uns die Leerung und Instandhaltung der Container sowie die Weiterverwertung der Textilien, wir haben damit gar nichts zu tun“, räumt DRK-Mitarbeiterin Harasim ein.

Während Efiba dem Flensburger DRK die gesammelten Altkleider abkauft, zahlt das DRK im Gegenzug einen Betrag für die Abholung und Weiterverwertung an Efiba. „Wir erzielen aus der Kooperation einen kleinen Überschuss, der gemeinnützigen Zwecken des DRK zugute kommt“, erklärt Harasim.

Wer sicherstellen will, dass seine gespendeten Altkleider tatsächlich an bedürftige Menschen weitergegeben werden, solle jene im DRK-Heim am Lautrupsbach oder in der Flensburger DRK-Geschäftsstelle, Valentinerhof 29, abgeben. Harasim: „Diese Altkleider kommen dann in unsere Kleiderkammer.“

Nichts sagen wollte sie hingegen über die Höhe der Summe, die das DRK aus der Kooperation mit Efiba erwirtschaftet. Aber möglicherweise dreht das TBZ dem DRK diesen Geldhahn ab März zu. Herrenkind: „Das prüfen wir noch wegen der Zusammenarbeit mit einem kommerziellen Unternehmen.“

Und ein solches ist Efiba zweifelsohne: Das Unternehmen hat seinen Sitz in der niedersächsischen Kleinstadt Bassum (Landkreis Diepholz) und gehört zum Schweizer Soex-Konzern. Dieser bezeichnet sich auf seiner Webseite als „weltweit führendes Unternehmen im Bereich Alttextilvermarktung und -recycling“. Ebenfalls zu dem Konzern gehört das Unternehmen Retextil Recycling International. Nach eigenen Angaben gehören allein im Flensburger Stadtgebiet 77 der rund 200 Altkleider-Container der Firma.

Gegen solch übermächtige Konkurrenz ist der Ellingstedter Altkleidersammler Werner Frost chancenlos. Daher blickt der 56-Jährige der Zukunft äußerst skeptisch entgegen. „Für mich ist es ein Sterben auf Raten.“ Seine Prognose: „In der Branche gibt es bald nur noch wenige Großanbieter innerhalb Deutschlands, und wir Kleinen bleiben auf der Strecke.“ Das gelte auch für das Altkleider-Ausschreibungsverfahren des TBZ. „Denen ist ein Betrieb, der die Altkleider abholt und auch sortiert, sicherlich lieber“, vermutet Frost.

Das könne er als Kleinunternehmer aber nicht leisten und müsse dementsprechend seinen Betrieb bald schließen. „Doch damit bin ich kein Einzelfall: Allein in der Region kenne ich fünf solcher Betriebe.“ Diese Situation ist auch TBZ-Abteilungsleiter Wolfgang Herrenkind bewusst. „Aber so funktioniert der Markt eben.“

 

 

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