Widerstand : Späte Würdigung für Lilly Wolff

Gedenken: Berlins Parlamentspräsident Walter Momper und Bischof Wolfgang Huber würdigten das ,  für das die Flensburger Lehrerin Lilly Wolff gearbeitet hatte. Foto: bph
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Gedenken: Berlins Parlamentspräsident Walter Momper und Bischof Wolfgang Huber würdigten das , für das die Flensburger Lehrerin Lilly Wolff gearbeitet hatte. Foto: bph

Bischof Huber, Walter Momper und andere Persönlichkeiten haben die Courage des "Büros Pfarrer Grüber" in der Nazi-Zeit gewürdigt - und auch Lilly Wolff aus Flensburg gedacht.

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27. Januar 2009, 12:08 Uhr

Flensburg | Sobald der Frost aus dem Untergrund des Bürgersteiges in der Spichernstraße in Berlin-Wilmersdorf gewichen ist, wird dort vor dem Haus mit der Nummer 7 ein Gedenkstein verlegt, der an politisch eisige Zeiten erinnern soll: an die Jahre der Entrechtung und Ermordung von Männern und Frauen, die nicht in das Menschenbild der vom Rassenwahn getriebenen Nationalsozialisten passten. Im Fokus der NS-Machthaber standen dabei vor allem die Juden; aber auch jene Menschen, die vom Judentum zum christlichen Glauben konvertiert waren, gerieten bald in das Räderwerk der Vertreibungs- und Vernichtungsmaschinerie von Hitler und seinen Schergen.

Lilly, die jüngste Tochter des jüdischen Hofbesitzers Georg Wolff vom Gut Jägerslust, hatte sich 1912 im Alter von 16 Jahren zusammen mit ihrer Schwester Susanne in der Nikolaikirche in Flensburg taufen lassen. Sie absolvierten beide die Auguste-Viktoria-Schule, um sich am Oberlyzeum der selben Schule zu Lehrerinnen ausbilden zu lassen. Susanne Wolff starb 1931 nach schwerer Krankheit. Ihr blieb das erspart, was ihrer Schwester Lilly nach der NS-Machtübernahme 1933 widerfuhr.
Als Jüdin "denunziert"
Kaum im Amt, erließen die neuen Herrscher ein "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das ihnen als Handhabe zur Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes und der Entlassung von Gegnern des Regimes diente. Es enthielt einen erstmals ausformulierten antisemitischen "Arierparagraphen", von dem auch die zum Christentum übergetretene Lilly Wolff betroffen war: Mit dem Datum vom 1.9.1933 wurde die gerade 37-Jährige vom Dienst als Schullehrerin in Heide suspendiert. Plötzlich ohne festes Einkommen, versuchte sie durch privaten Nachhilfeunterricht ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bis ihr - von der NSDAP als "Jüdin" denunziert - auch diese Tätigkeit untersagt wurde. Sie kehrte nach Flensburg zurück, um sich auf dem Gut ihrer Familie auf ihre Übersiedlung nach Berlin vorzubereiten.

Auch in Flensburg ohne berufliche Perspektive, zog sie nach Berlin, wo sie ab 1937 an schulischen Einrichtungen für - wie es hieß - "nichtarische" Kinder als Lehrerin tätig sein konnte. Eine neue Aufgabe fand Lilly Wolff zunächst an einer privaten jüdischen Mädchenschule, an der sie bis zur Schließung im Herbst 1938 unterrichtete. Sie setzte ihre Arbeit fort an der "Familienschule", einer Schule für christlich getaufte Kinder jüdischer Abstammung. Die Gründung dieser Einrichtung war eine Reaktion auf das absolute Verbot für "nichtarische" Kinder, öffentliche Schulen zu besuchen. Diese Schule im Hause Oranienburger Straße 20 war dem "Büro Pfarrer Grüber" angeschlossen, einer "Kirchlichen Hilfsstelle für evangelische Nichtarier". Dort wurden zeitweise 100 evangelische und katholische rassistisch verfolgte Kinder unterrichtet. Lilly Wolff gab an der "Familienschule" Deutsch-, Geschichts- und Englischunterricht.
Gartenarbeit auf dem Friedhof
Als im Oktober 1941 das Ende der "Familienschule" bevorstand, gelang es gerade noch rechtzeitig, für ihre verbliebenen Schüler und Schülerinnen in der Ersten jüdischen Volksschule in der Kaiserstraße 29/30 zwei christliche Sonderklassen einzurichten. Nach Auflagen des Reichssicherheitshauptamtes mussten die Lehrkräfte "Juden nach dem Reichsbürgergesetz, aber nicht der mosaischen Religion angehörig" sein. Lilly Wolff und eine weitere Kollegin waren die einzigen, denen es erlaubt war, dort weiter zu unterrichten. Sie unterstanden der schulischen und disziplinarischen Aufsicht der jüdischen Kultusvereinigung Berlin. Nach nur wenigen Monaten, am 30.6.1942, wurde der gesamte Schulbetrieb jüdischer Organisationen eingestellt. Danach hat sich Lilly Wolff mit einigen ihrer Schützlinge noch auf dem jüdischen Friedhof Weißensee getroffen, auf dem die jungen Leute Gartenarbeit verrichteten.

Die Lehrerin hatte es abgelehnt, in die Illegalität abzutauchen. "Ich kann nicht mit falschem Pass leben", vertraute sie einer Kollegin an. Abgeholt zur Deportation wurde sie am 5.9.1942 aus einem so genannten Judenhaus an der Konstanzer Straße. Mit dem 19. Berliner Osttransport wurde sie nach Riga verschleppt und dort drei Tage später ermordet.

Diese schlichten Fakten nennt auch die Inschrift des Gedenksteins, der vor dem Hause Spichernstraße 7 in den Bürgersteig eingelassen werden und an das Schicksal der Lehrerin Lilly Wolff aus Flensburg erinnern soll. Dort, im Gartenhaus, hatte sie ihre letzte freigewählte Wohnung. Kurz vor ihrer Abholung aus dem ghettoähnlichen Haus an der Konstanzer Straße überreichte sie einer Kollegin ein Blatt, auf das sie einen Vers aus der Johannes-Apokalypse geschrieben hatte: "Weil du bewahrst hast das Wort von meiner Geduld, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis.". Am heutigen Holocaust-Gedenktag um 11.30 Uhr, erinnert die Arbeitsgruppe "Harrislee-Bahnhof", am Mahnmal beim Grenzübergang Harrislee/Padborg, im Rahmen einer feierlichen Kranzniederlegung an die Opfer des Nationalsozialismus. Beiträge von Schülern der Duborg-Skolen und der Zentralschule Harrislee sind ebenso Teil der Gedenkveranstaltung wie die Ansprache der Arbeitsgruppenvorsitzenden Anke Spoorendonk und des Bürgervorstehers Heinz Petersen.

Auch am Freitag, den 30. Januar, lädt die Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Harrislee zu einem spannenden Abend ein. Ab 19 Uhr lesen Ester Bejarano und Birgit Gärtner aus ihrem Buch " Wir leben trotzdem: Esther Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden". Dazu spielt die Musikgruppe" Concidence" jiddische und antifaschistische Lieder aus dem Ghetto und dem Widerstand.


„Büro Pfarrer Grüber“
Unter dem Eindruck der antisemitischen Ausschreitungen während der Novemberpogroms 1938 gründete Heinrich Grüber, Anhänger der Bekennenden Kirche, in Berlin-Mitte das nach ihm benannte „Büro Pfarrer Grüber“, das sich als einzige evangelische Hilfsstelle für rassistisch Verfolgte einsetzte. Das Büro organisierte die Emigration von bis zu 2000 Juden und zum Christentum konvertierten Juden. Es richtete eine Wohlfahrts- und Seelsorgeabteilung ein für diejenigen, die nicht ausreisen konnten, und gründete die „Familienschule“. Die Arbeit wurde von den NS-Behörden zunächst geduldet. Später wurde auch Grüber in ein KZ verschleppt. Unter strengen Auflaben kam er 1943 wieder frei.

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