Flensburger Markt-Experiment in der Kritik : „So kann es nicht weitergehen!“

Abgesang: Am Mittwoch fand der Wochenmarkt das letzte Mal in der Großen Straße statt – morgen geht es wieder auf den Südermarkt.
Abgesang: Am Mittwoch fand der Wochenmarkt das letzte Mal in der Großen Straße statt – morgen geht es wieder auf den Südermarkt.

Wochenmarktbeschicker beklagen Einbußen von bis zu 50 Prozent – die Weihnachtsmarkthändler freuen sich über die Belebung durch ihre Nachbarn

shz.de von
29. Dezember 2017, 07:00 Uhr

Auf dem Südermarkt steht keine einzige Bude mehr, Berge von Rindenmulch türmen sich dort. Nur die Weihnachtspyramide thront trotzig inmitten des Platzes. Auch in der Skihütte wird nicht mehr fröhlich gebechert – sie wartet auf ihre Demontage. Nun hoffen die Wochenmarkthändler darauf, dass bis morgen alles komplett geräumt ist. Denn am Sonnabend wollen sie wieder an ihrem angestammten Standort loslegen.

Sie haben viel nachzuholen, denn die Kassen sind leer. Ihre Bilanz nach fünf Wochen Diaspora in der Großen Straße fällt ernüchternd aus. „So geht es nicht – und so kann es nicht weitergehen“, stellt Boy Gondesen, Chef der Marktbeschicker, von vornherein klar. Am Mittwoch vor einer Woche seien einige der 30 im Verein organisierten Händler schon gar nicht mehr angetreten, vorgestern verloren sich nur noch sieben Stände in der Großen Straße.

Die Umsatzeinbußen ziehen sich quer durch alle Branchen, wenn auch unterschiedlich gewichtet. „Alles was schwer ist, was Tüten füllt, fand wenig Abnehmer“, berichtet Gondesen. Verkäufer von Adventsgestecken, Kränzen, Blumen, Obst oder Gemüse hätten Rückgänge von bis zu 50 Prozent zu beklagen; bei Käse, Fleisch, Wurst und Fisch seien die Einnahmen um etwa 30 Prozent geschrumpft. Besonders am Mittwoch sei es jeweils eine „mittlere Katastrophe“ für die Händler gewesen. „Die haben an diesen Tagen teilweise sogar draufgezahlt. Das hat richtig weh getan!“ Normalerweise sind das Einnahmen, von denen die Marktbeschicker in den kritischen Monaten Januar bis März noch zehren können.

Fazit: Man hat die Stammklientel nicht mitnehmen können. Kunden hätten die typische Markt-Atmosphäre vermisst, stattdessen nur eine Aneinanderreihung von Ständen vorgefunden, unterbrochen von Punschbuden. Das von der Stadt beklagte Sicherheitsdefizit auf dem Südermarkt habe sich überdies nur verlagert. „Der Abbau war teilweise schon abenteuerlich“, sagt Gondesen. Kritische Worte richtet er an Gorm Casper, Geschäftsführer der Tourismus-Agentur Flensburger Förde (Taft). Dieser hatte bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes erklärt, er freue sich über eine Neuauflage dieser Touristenattraktion an gleicher Stelle – eben auf dem Südermarkt. „Unsere Vereinbarung jedoch war es“, so Gondesen, „dass nach einer Analyse im neuen Jahr ergebnisoffen diskutiert werden soll.“

Die Taff stellt dem Nebeneinander von Wochen- und Weihnachtsmarkt im Zusammenspiel mit dem Einzelhandel ein gutes Zeugnis aus. Die temporäre Verlegung und die damit verbundene Entzerrung der Weihnachtsmarktstände habe viele Vorteile offenbart. „Endlich kann man entspannt durch die Reihen schlendern, ohne Platzangst zu bekommen“, hätten zahlreiche Besucher geäußert. Und die Händler? Matthias Schiele etwa, der in der Großen Straße Schmalzkuchen verkauft, habe eine 50-prozentige Umsatzsteigerung gehabt, wenn der Wochenmarkt aufgebaut war. „Das war genial.“ Solche Aussagen indes bringen Gondesen auf die Palme. „Es ist nicht unsere Aufgabe, den Weihnachtsmarkt aufzupeppen.“

Kemal Yeni und Tarek Traber, die auf dem Nordermarkt Feuerzangenbowle und Süßwaren anbieten, hätten laut Taff ebenfalls das nette Miteinander gelobt: „Weihnachtsmarkt und Wochenmarkt in Kombination, das passt, das ergänzt sich“, so Kemal Yen. „Und wir haben oft von Kunden gehört, die sich sehr freuten, dass der Wochenmarkt auch mal am Nordermarkt stattfindet, da die Nahversorgung mit Lebensmitteln hier in der Nähe sonst fehlt.“

Der Wochenmarktverein will im Januar seine Strategien für die Zukunft definieren. Das Ziel ist klar: „Wir wollen wieder zurück auf den Südermarkt“, sagt Boy Gondesen.“ Und wenn Gorm Casper, wie geschehen, die zehnjährige Tradition des Weihnachtsmarktes anführt – „da können wir locker mithalten“!

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