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Folk-Baltica mit Dota Kehr in Flensburg : Singende Dichterin in der Bushalle

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Folk-Baltica 2017: Dota Kehr & Band begeistern mit wunderbaren Songs und kreativen Arrangements / Heute acht Konzerte in der Region

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2017 | 07:24 Uhr

Wer ein Festivalticket hat, muss mobil sein – am besten mit dem Fahrrad: Folk-Baltica breitet sich immer weiter in der Stadt aus. Heute sind drei Veranstaltungen in der Sydbank und eine am Industriehafen. Für das erste Konzert in Flensburg mussten die Besucher ins Gewerbegebiet Peelwatt fahren; dort parkten Fahrräder zu Dutzenden am Reisezentrum Neubauer.

Die große Bushalle war in eine Konzerthalle verwandelt worden: Schwarze Stoffbahnen verhüllten das Gros der Wände, von der Decke hingen Lautsprecher und Scheinwerfer. Man habe beim Bau der Halle bewusst darauf geachtet, sie auch für Veranstaltungen nutzbar zu machen, sagte Oliver Gröpper, Inhaber und Geschäftsführer bei Neubauer. „Für die Busse hätte ein Car-Port gereicht.“ Wichtigste Maßnahme war der Einbau einer Akustikdecke, die sich schon bei einem Sinfoniekonzert für die Kunden bewährt habe, so Gröpper, der beim Konzert dabei war.

Er musste genauso stehen wie alle anderen Besucher, darunter auffällig viele jüngere. Die Halle war unbestuhlt; mit den ersten Tönen der Band rückten die meisten an die Bühne heran – Dotas Fangemeinde, auch in Flensburg. Aufgebaut bei der Hofkultur 2009, im Kühlhaus 2010 und bei Folk-Baltica 2015. Die Gemeinde dürfte noch einmal wachsen, denn wer noch kein Fan der Berlinerin war, ist es spätestens nach diesem Konzert.

Dota Kehr schreibt keine Songtexte, sie ist eine Dichterin. So wie Mascha Kaléko, vor der Dota sich mit einer kongenialen Vertonung verneigte. Jede Zeile eines jeden ihrer Songs ist meilenweit vom Einheitspopdeutsch entfernt, das derzeit allenthalben aus dem Radio tropft. „Die Halme sind hell an den Spitzen, biegen sich lachend im Wind. Ich such mit dem Blick nach Ottern und Bibern, die wieder nur Ratten gewesen sind. Die Sonne wärmt uns die Bäuche, und hin und wieder hör ich ein Boot. Und durch die geschlossenen Lider leuchtet es rot.“ („Sommer“)

Natürlich schreibt und singt Dota Kehr Liebeslieder, „Alles Du alles Dur“, bei Neubauer als letzte der zahlreichen Zugaben solo gesungen, ist sicher eines der schönsten weit und breit. Doch genauso beherrscht sie das, was man früher ein politisches Lied nannte: „Grenzen“ ist der Soundtrack zu Deutschland in Zeiten der Flüchtlingsthematik, zu Europa, das sich abschottet, aber auch zum ewigen Konflikt zwischen Individuum und Staat. Ein radikales Statement: „Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohner drinn' steht. Einfach nur Erdenbewohner, sag mir bitte, wohin man da geht.“ Im Kontrast dazu das eher leichte, lustige Stück „Rennrad“, das an ihre Anfänge als Straßenmusikerin erinnert.

Doch das sind nur die Worte, es fehlen ihre Stimme, die Sprachrhythmik, mit der sie die Texte strukturiert, die Melodien, die zeitlos sind und mindestens an große Liedermacherzeiten erinnern. Und es fehlt die phantastische Band mit Jan Rohrbach (Gitarre), Janis Görlich (Drums) und Jonas Hauer (Keyboards), die aus Dotas Songs Gesamtkunstwerke machen, die einen unverwechselbaren Sound schaffen, der ganz schnell vom intelligenten Pop zu heißem Techno-Jazz mutieren kann. Dota bei den Bussen – ein Auftritt für die Folk-Baltica-Annalen.

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