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Vergewaltigungsprozess in Flensburg : „Sie war wie meine kleine Schwester“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Niko D. sitzt wegen schwerer sexueller Nötigung und Körperverletzung vor Gericht. Der Angeklagte streitet ab, seine Bekannte vergewaltigt zu haben. Er schrieb ihr im Chat: „Du wolltest es doch immer und wolltest immer härter rangenommen werden.“

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2013 | 13:47 Uhr

Sie waren immer online, schrieben sich täglich und stundenlang. Es sind Dokumente, die erschüttern. „Du hast mich viermal vergewaltigt, eingesperrt, geschlagen und gewürgt.“ – „Ich habe Unterleibsschmerzen. Willst du es wieder tun? Ich habe solche Angst vor dir.“

Diese SMS an ihren vermeintlichen Peiniger sind nur zwei von vielen, mit denen sich Nico D., der gestern in Handschellen vor die 2. Große Strafkammer geführt wird, konfrontiert sieht. Zwei von vielen, die ihn auf den Boden der Tatsachen zwingen. Die Chat-Protokolle zwischen ihm und seinem mutmaßlichen Opfer füllen einen dicken Ordner. Und auch einige seiner eigenen Elaborate muss er sich von der Vorsitzenden anhören: „Ich habe dich nie vergewaltigt“, schreibt er Mitte Januar. „Du wolltest es doch immer und wolltest immer härter rangenommen werden.“

Nico D. muss Farbe bekennen. Doch die ihm zur Last gelegten Taten streitet er ab. „Ich bin selbst erschrocken, was ich geschrieben habe“, sagte er, das Ausmaß von Beleidigung und Bedrohung sei ihm gar nicht bewusst gewesen. In Wirklichkeit sei er ein ganz anderer Mensch. Doch das widerspricht dem Bild, das die Anklage zeichnet, ganz erheblich. Die Staatsanwaltschaft will ihn wegen Vergewaltigung, Körperverletzung und Nötigung hinter Gitter bringen. Seit April bereits sitzt der Flensburger in Untersuchungshaft.

Seiner Aussage nach kannte er C.K. seit vier bis fünf Jahren, es sei ein Verhältnis wie zwischen Bruder und Schwester gewesen. Nach der Trennung von ihrem Ex-Freund sei man sich Ende 2012 näher gekommen. Was geschah in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember? Seiner Aussage zufolge kam es in ihrer Wohnung zum Streit. Sie habe seine Mutter beleidigt, er ihr daraufhin eine Ohrfeige verpasst, sich aber entschuldigt und sie dann getröstet. „Wir haben ja ständig gestritten und uns wieder vertragen“, sagt der 27-Jährige. Dann sei es erstmals zum Geschlechtsverkehr gekommen. „Ich habe mich auf sie gelegt, und wir hatten Sex. Es ging von ihr aus.“ Als er „fast fertig gewesen sei“, habe er bemerkt, dass sie den Kopf weggedreht und geweint habe. Weil er gewalttätig geworden sei? Nein, „sie hatte wohl noch Gefühle für ihren Ex“, sagt der Angeklagte. Von Vergewaltigung könne keine Rede sein. Dennoch habe er sich schuldig gefühlt. Mit seiner Schwester schläft man nicht.

In der Folgezeit habe die Frau ihn ständig angerufen, sie vermisse ihn, er möge ihr helfen, von den Drogen wegzukommen. „Irgendwann habe ich mich darauf eingelassen“, sagt Nico D. Am 18. Januar wollte er ihren Drogendealer zur Rede stellen. Doch sie habe Angst vor der Begegnung gehabt. Als sie weglaufen wollte, habe er sie mit sich gezogen und von ihr abgelassen, als eine Zeugin einschritt. Drohungen, Schläge und ein Messer kommen in der Anklage, aber nicht in der Schilderung des Angeklagten vor. Auch eine zweite Vergewaltigung in seiner Wohnung bestreitet er.

Am 26. Februar erstattet C.K. Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs. „Zufällig“, so Nico D., trifft er sie am 1. April wieder. In einer abgelegenen Hütte sei es, räumt er ein, erneut zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Dabei sei ihr Kopf auf den eisigen Boden geknallt. Die Staatsanwaltschaft indes geht davon aus, dass er ihren Kopf mit Panzer-Tape umwickelt, ihr Kopf und Nase zugehalten und auf sie eingeschlagen habe. Diese Überzeugung speist sich aus den Aussagen der Flensburgerin. Die aber, so die Einschätzung des mutmaßlichen Täters, sei psychisch derart belastet, „dass sie sich Sachen einbildet, die es gar nicht gibt“. Womöglich verwechsele sie etwas: „Vielleicht sind das Dinge, die ihr der Ex-Freund angetan hat.“

Dann wird das vermeintliche Opfer in den Saal geführt. Groß, blass und schmächtig. Die Öffentlichkeit – ausgeschlossen. Noch bevor ein Wort gefallen ist, bricht sie in Tränen aus. Sie ist erst 18 Jahre alt. 

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