Adipositas : „Sie sind doch schon dick genug“

<p>Erika Wolletz (l.) und Angela Hansen wurden wegen ihres Übergewichts immer wieder diskriminiert. Doch damit ist jetzt Schluss. </p>
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Erika Wolletz (l.) und Angela Hansen wurden wegen ihres Übergewichts immer wieder diskriminiert. Doch damit ist jetzt Schluss.

Die Adipositas-Patientinnen Angela Hansen und Erika Wolletz mussten sich viel anhören und haben dann ordentlich abgespeckt.

shz.de von
24. März 2017, 15:00 Uhr

Kappeln/Struxdorf | Eine Tafel Schokolade kaufen oder im Café ein Stück Kuchen essen – für viele Menschen ist das nichts, wofür sie sich schämen müssen. Dicke können aber nicht einfach auf der Straße in einen Muffin beißen, ohne dafür abschätzige Blicke zu ernten und Beleidigungen hinzunehmen. Erika Wolletz und Angela Hansen können ein Lied davon singen. Sie sind an Adipositas, krankhafter Fettleibigkeit, erkrankt und haben wegen ihres Aussehens viele schlechte Erfahrungen in der Öffentlichkeit gemacht. Das führte sogar so weit, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus trauten.

Angela Hansen ist schon seit ihrer Kindheit übergewichtig. „Meine Eltern haben immer gesagt, was auf den Tisch kommt, wird gegessen“, erinnert sich die 49-Jährige. So nahm sie immer mehr an Gewicht zu und war, wie sie sagt, „die Dickste in der Familie“. In der Schule ist die Struxdorferin gemobbt worden, weil sie pummelig war – und hat aus Frust weiter gegessen. Nach der Schule sei dann alles schief gelaufen. Angela Hansen bekam keine Ausbildungsstelle. Als Putzhilfe hat sie sich beworben und wurde abgelehnt. „Können Sie Sich überhaupt bewegen?“, fragte man sie damals.

An Abnehmen war danach nicht zu denken – im Gegenteil: Angela Hansen sah keinen Grund, warum sie Pfunde verlieren sollte. So gingen auch die Beschimpfungen auf der Straße weiter. Als „dicke Kuh“ wurde sie bezeichnet und wenn sie im Supermarkt Süßigkeiten oder Chips, die noch nicht einmal für sie waren, auf das Band legte, hörte sie jemanden hinter sich „Sie haben das gerade nötig, Sie sind doch schon dick genug“ sagen. Doch das war nicht alles. Ihre Ärzte weigerten sich, sie in ihrer Sprechstunde zu untersuchen. „Nehmen Sie erstmal ab, dann können Sie wiederkommen“, hieß es dann. Die Diskriminierungen haben die 49-Jährige belastet. „Ich hatte kein Selbstbewusstsein mehr und wollte nicht mehr raus gehen“, beschreibt sie die Folgen des Mobbings. 165 Kilogramm wog sie damals, bei einer Körpergröße knapp unter 1,70 Meter, und litt an Diabetes, einer Folge-Erkrankung ihres Übergewichts.

Die 71-jährige Kappelnerin Erika Wolletz, die die Adipositas-Selbsthilfegruppe in Schleswig leitet, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch sie bekam als junge Frau zunächst keinen Ausbildungsplatz, machte dann aber eine Lehre als Köchin. Als sie sich Jahre später zur Kauffrau umschulen lassen wollte und sich dafür für einen Praktikumsplatz bewarb, wurde sie abgelehnt mit der Begründung, man hätte einen qualifizierteren Kandidaten bevorzugt. Erika Wolletz war sich aber sicher, dass sie wegen ihres Übergewichts nicht eingestellt wurde, denn sie hat eigener Aussage einen guten Lebenslauf gehabt.

An Gewicht nahm sie in ihrer Kindheit zu, wie Angela Hansen. „Ich bin in der Nachkriegszeit groß geworden, meine Eltern haben immer sehr fettig gegessen. Da gab es Schmalz und Grießbrei“, erzählt sie. Nach der zweiten Schwangerschaft hat sie sich schlecht ernährt, hauptsächlich von Brot, „weil es schnell ging“. In ihrem Alltag war die zweifache Mutter, die bei einer Größe von 1,60 Metern 140 Kilo auf die Waage brachte, eingeschränkt. „Ich konnte nicht ins Kino gehen oder in den Urlaub fliegen, denn ich habe nicht auf den Sitz gepasst“, erzählt sie. Auch Angela Hansen kennt diese Probleme. „Mein Mann hat für den Gurt im Auto eine Verlängerung gekauft, damit ich mich anschnallen konnte“, sagt sie. Busfahren war für die beiden Frauen eine Tortur. Sie konnten sich kaum durch den Gang bewegen. „Und dann die abschätzigen Blicke der anderen Fahrgäste.“

Doch das ist nun Vergangenheit. Angela Hansen und Erika Wolletz haben einen Schlauchmagen und einen Magenbypass bekommen, damit möglichst viele Pfunde purzeln. Und das hat funktioniert. Hansen hat in den vergangenen sechs Jahren 72 Kilo abgenommen, Wolletz, die vor zwölf Jahren die Magenbypass-Operation hatte, 60 Kilo. Durch die Eingriffe sind sie immer schnell satt, mehr als ein Stück Fleisch oder ein Brötchen zum Frühstück können sie nicht essen. Auch der Heißhunger auf Schokolade und Chips wird gezügelt. „Ich halte mich strikt an die Vorgaben und die Liste, die ich nach der Operation bekommen habe“, sagt Angela Hansen ehrgeizig. Nicht nur den Appetit und das Gewicht, sondern auch die Folge-Erkrankungen der Adipositas, wie Diabetes und Bluthochdruck, haben die Frauen in den Griff bekommen. Bei Hansen ist die Diabetes verschwunden, Wolletz leidet immer noch daran – denn „das liegt in der Familie“.

Mit den Kilos, die gepurzelt sind, kam auch das Selbstbewusstsein der beiden Frauen zurück. Sie sind wieder unternehmungslustig und freuen sich, wenn sie für ihr gutes Aussehen gelobt werden. „Ich kann mich wieder bücken“, sagt Angela Hansen und strahlt. „Außerdem habe ich neue Kleidung gekauft, denn die alten Sachen sind mir jetzt viel zu groß.“ Dass es so weit gekommen ist, verdanken die Frauen auch ihren Familien und der Adipositas-Selbsthilfegruppe, wo sie sich regelmäßig mit anderen Betroffenen austauschen.

Angela Hansen fehlt nur noch ein Schritt zum perfekten gesundheitlichen Glück: Sie möchte ihre überschüssige Haut loswerden, die so genannte Fettschürze. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse, wenn sie die Operation als notwendig bewertet. „Jeder Fall wird individuell beurteilt“, erklärt Rüdiger Reichstein von der DAK Flensburg. Vor einer Kostenübernahme muss der Betroffene einen Antrag ausfüllen, in dem er aufzeigt, was er gemacht hat, um abzunehmen. Das können Diäten, Ernährungsberatung oder auch Sport sein. Nicht nur beim plastischen Eingriff, sondern auch bei der Schlauchmagen- und Magenbypass-Operation werde jeder Fall individuell betrachtet. Es gelte das Prinzip „der letzte, nicht der leichteste Weg“.

Adipositas-Selbsthilfegruppe

Die Treffen der Adipositas-Selbsthilfegruppe Schleswig finden am zweiten Mittwoch jeden Monats um 19 Uhr im 6. OG der Helios-Klinik statt. Am ersten Freitag jeden Monats trifft sich der Adipositas-Stammtischs um 19 Uhr im Gemeindehaus Böklund, Schulstraße 7.

 
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