Internationale Hilfe : „Sie gehören zu unserer Familie“

Im Laufe der Jahre zusammengewachsen: Außen die Gasteltern Bettina und Uwe Hub mit Dana (2. von links) und Viktoriya – in der Mitte Betreuerin Galina Kriwetskaja.
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Im Laufe der Jahre zusammengewachsen: Außen die Gasteltern Bettina und Uwe Hub mit Diana (2. von links) und Viktoriya – in der Mitte Betreuerin Galina Kriwetskaja.

Tschernobyl-Hilfe in Sorge: Es gibt immer weniger Gasteltern

shz.de von
10. Juli 2018, 06:35 Uhr

Sie spannt den Bogen. Hält die Luft an. Die Füße stehen parallel, der Rücken aufrecht. Jetzt ist ein gutes Auge und eine ruhige Hand gefragt. Dann sirrt der Pfeil durch die Luft, schießt auf die Zielscheibe zu. Knapp daneben. Doch das macht Diana nichts aus. Mit jedem Schuss lernt sie dazu.

Ebenso konzentriert wie die 16-Jährige geht Viktoriya zu Werke. Sie ist vier Jahre jünger und kommt auch aus Weißrussland. Nicht weit entfernt von der Stadt, in der sich im Jahr 1986 eine atomare Katastrophe ereignete, deren Folgen bis heute nachwirken. Die radioaktive Strahlung, die dem Kernkraftwerk Tschernobyl entwich, ist spürbar über Hunderte von Kilometern, große Teile Weißrusslands sind betroffen. Wer gezwungen ist, dort sein Gemüse selbst anzubauen und zu verzehren, wird krank, bekommt Probleme mit der Schilddrüse oder Schlimmeres. „90 Prozent der Kinder sind nicht gesund, wenn sie zur Schule kommen“, sagt Galina Kriwetskaja, Betreuerin bei der Initiative für die Kinder von Tschernobyl. Das Herz sei oft betroffen, Leukämie keine Seltenheit. Viele hätten auch Probleme mit den Augen. Medikamente aber müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Und die billigsten Präparate sind kontraproduktiv. Zudem sind die Ärzte völlig überlastet. „Früher hatten wir so etwas nicht.“

Dianas Mutter starb an den Folgen des Unglücks, das Immunsystem der Tochter, die damals zehn Jahre alt war, streikte, sie war oft erkältet, der Körper aufgeschwemmt. „Es geht darum, den Gesundheitszustand dieser Kinder zu stärken“, sagt Bettina Hub, die Diana bereits im 9. Jahr für einige Wochen zu sich nimmt. Dafür opfert sie ihren Jahresurlaub. Viktoriya ist das dritte Mal da – nach jeweils 30-stündiger Busfahrt

„Beide gehören zu unserer Familie dazu“, sagt Uwe Hub. Er war jüngst dabei, als es mit dem Kanu auf die Treene ging. Andere Freizeitaktivitäten wie Ausflüge zum Barfußpark nach Schwackendorf, ins Tarper Freibad oder das Turnen an der Kletterwand werden von Sponsoren unterstützt. „Wir fühlen uns hier viel besser als zu Hause, die Luft tut so gut.“ Heimweh hat sie nicht, versichert Diana. Früher war das anders. „Da hat sie oft geweint, konnte nicht einschlafen“, sagt Bettina Hub. "Da hab ich mich neben sie gelegt und getröstet." Und Viktoriya? Sie liebt das Lächeln der Menschen hier – und ganz besonders das Meer. „Ist gar nicht aus dem Wasser zu kriegen“, meint Uwe Hub und lacht.

Leider jedoch gibt es immer weniger Gasteltern, die bereit sind, Kinder aus der belasteten Region aufzunehmen. „In den letzten zehn Jahre ist die Zahl um die Hälfte eingebrochen“, bedauert Galina Kriwetskaja. Deshalb nehmen einige schon zwei Kinder gleichzeitig auf. Wie Familie Hub. Für die Initiative ist das eine alarmierende Zahl. „Sollten es noch weniger werden“, sagt die Betreuerin, „droht das Aus für die Gruppe.“

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