Ein Leserbrief : Sicherheit für Radfahrer – eine Mutter klagt an

„Für so viele Dinge wird gekämpft – für Menschenleben nicht?“ Im September verlor Pauls Mutter ihren Sohn durch einen Unfall in Flensburg.

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24. Februar 2018, 16:37 Uhr

Anfang September wurde ein 14-Jähriger Radfahrer in Flensburg an der Kreuzung Schützenkuhle/Husumer Straße von einem Lkw überrollt – er erlag später seinen schweren Verletzungen. Dieser Unfall hatte eine Debatte über die Sicherheit für Fahrradfahrer in Flensburg ausgelöst.

Nach einem Bericht über das neue Sicherheitssystem „Bike Flash“, das Radfahrer schützen soll, hat sich die Mutter des verstorbenen Jungen mit einem Leserbrief an die Redaktion des Flensburger Tageblatts gewandt.

„Ich bin die Mutter von Paul. Mein Kind war am 4. September 2017 mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. An der Kreuzung Schützenkuhle/Husumer Straße wurde er von einem LKW überrollt. Paul hat alles richtig gemacht, er benutzt den Radweg und die grüne Ampel. Ihm wird von dem rechtsabbiegenden (zehn Tonnen schweren) Lastwagen die Vorfahrt genommen. Der Alptraum beginnt: Die Polizei informiert uns über den schweren Unfall und fährt uns ins Krankenhaus. Die Ärzte kämpfen um Pauls Leben. Vergeblich. All seine Organe wurden völlig zerstört.

Viele liebe Menschen nehmen Anteil an diesem schrecklichen Unfall. Aber hätte dieser nicht vermieden werden können? Ist dieser Verkehrspunkt nicht bereits bekannt als Gefahrenstelle? Es gibt kostengünstige und einfache Abhilfen. Nun ist der Tod meines Sohnes fast ein halbes Jahr her, und noch immer hat sich dort nichts geändert. Muss dafür wirklich so lange verhandelt werden? Wäre nun nicht jeder weitere Unfall dort vorsätzlich? Ein sofortiges Handeln als Anerkennung für meinen Sohn wäre mehr als angebracht gewesen.

Leider wurde uns von Seiten der Stadt nicht einmal persönlich kondoliert. Auch Fahrzeughalter und Fahrer haben in keinster Weise ihr Beileid ausgedrückt. Dies wäre in diesem Fall das Mindeste gewesen.

Muss ich als Berufsfahrer in der Hauptverkehrszeit am Morgen nicht davon ausgehen, dass auf einem Fahrradweg ein Radfahrer neben mir stehen könnte und mich so verhalten, als wäre dem so? Zehn Sekunden Vorsprung hätten meinem Kind das Leben gerettet. Warum fordern nicht alle Lkw-Fahrer gemeinsam den Abbiegeassistenten? Für so viele Dinge wird gekämpft – für Menschenleben nicht? Hier geht es tatsächlich um Leben und Tod.

Warum wurde das Tatfahrzeug nicht beschlagnahmt, so wie das Fahrrad meines Sohnes, um die Spiegeleinstellungen und Sitzhöhe zum Unfallzeitpunkt zu überprüfen?

Warum wurde die Stelle (wenigstens anhand der Zeugenaussagen) nicht markiert, an der Paul lag, um eine brauchbare Rekonstruktion zu ermöglichen?

Warum ist bei der Rekonstruktion des Unfalls zur Erstellung eines unabhängigen Gutachtens  der Fahrzeughalter mit vor Ort? Und: Lieber Herr Dekra-Gutachter, als letzten Punkt in ihrer Zusammenfassung zu schreiben: „der Unfallbeteiligte 02 (Paul) hätte die Kollision bei Verzicht auf sein Vorrang vermeiden können“, ist ein derber Schlag ins Gesicht. Paul hätte gerne darauf verzichtet, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Gelten die Verkehrsregeln nun nichts mehr? Sollten wir lieber bei einer grünen Ampel stehen bleiben?

Paul ist tot. Er wurde aus einem glücklichen Leben gerissen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, da das Vermissen und die Sehnsucht mit jedem Tag größer werden, denn mein Kind kommt nie mehr zurück.“

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