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Behinderte Schüler in Flensburg : Sexueller Missbrauch: Eltern in Sorge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es geschah auf dem Heimweg: Sieben Fälle von Übergriffen eines Flensburger Busfahrers auf Schüler mit Behinderung sind bereits bekannt.

Flensburg | Die Wogen haben sich noch nicht geglättet. Nach den sexuellen Übergriffen gegen sechs Schülerinnen der Friholtschule und des Förderzentrums für körperliche und motorische Entwicklung an der Elbestraße in Flensburg sind die Eltern aufs Höchste beunruhigt. Zumal es Schulleiter Klaus-Peter Grunewald zufolge inzwischen „ein siebtes bestätigtes Opfer“ gibt.

Wie berichtet, hatte der umgehend vom zuständigen Fahrdienst suspendierte Rentner gestanden, Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren seit April 2014 sexuell bedrängt zu haben. Die Taten geschahen jeweils auf der Heimfahrt von der Schule. Am 27. Juni hatte sich erstmals ein Mädchen mit geistiger Behinderung seinen Eltern anvertraut. Von ihr hatte der über 60-Jährige auch Nacktfotos verlangt.

In der Folgezeit wurde zu einem (gut besuchten) Elternabend geladen, an dem die Vorgänge thematisiert wurden. Vertreter der Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Jungen und Mädchen, Wagemut, boten Hilfestellung bei den drängendsten Fragen: Wie erkenne ich, dass ein Kind Missbrauch erlebt hat? Wie lässt sich das Risiko minimieren? Wie kann ich ihm helfen, Grenzen zu erkennen und durchzusetzen?

Des weiteren gab es ein Gespräch mit Elternbeiräten, Vertretern der Stadt und des Kreises Schleswig-Flensburg, des Fuhrunternehmens sowie den Schulleitern Grunewald (Friholtschule) und Dirk Hoffmeister (K-Schule). Hier wurde die Frage erörtert, welche Maßnahmen zum Schutz der Kinder ergriffen werden sollen. Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf: „Wir befinden uns in einem Prozess, konkrete Lösungen sind noch nicht umgesetzt worden.“ Er lässt durchblicken, dass es nicht einfach sei, einen für alle Beteiligten akzeptablen Konsens zu finden.

Die Elternbeiräte drücken es etwas anders aus. „Die Stadt schiebt das Problem vor sich her“, sagt Dörthe Kastens, Elternbeirätin an der Friholtschule. Mehr noch: Es sei regelrecht verschleppt worden. Noch vor den Herbstferien habe es ein Gespräch mit der Verwaltung gegeben, die zugesagt habe, binnen vier Wochen zu prüfen, ob es möglich sei, eine Begleitperson im Schulbus generell einzusetzen – die zentrale Forderung der Eltern. „Jetzt heißt es plötzlich, erst Ende Januar nächsten Jahres soll eine Entscheidung fallen.“

Auch sei nach den Vorkommnissen eine psychologische Betreuung in Aussicht gestellt worden. „Professionelle Hilfe haben wir uns aber selbst holen müssen.“ Ihr Forderung: Die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen soll an den Schulen standardisiert werden. Dörthe Kastens und ihr Mann Ralf, der Elternbeirat an der K-Schule ist, haben selbst ein betroffenes Kind. Sie haben gegen den Busfahrer Strafantrag gestellt und wollen bei dem bevorstehenden Prozess als Nebenkläger auftreten, um so Akteneinsicht zu erhalten.

Klaus-Peter Grunewald verweist darauf, dass Lehrkräfte der Friholtschule seit acht Jahren an der AG sexueller Missbrauch teilnehmen, zudem gebe es ein schulisches Schutzkonzept. Die derzeitige Regelung, schwierige Kinder in bestimmten Bussen zu bündeln und diese mit einer Begleitperson zu versehen, sei allerdings unbefriedigend. Auch er plädiert dafür, diese Kinder auf mehrere Fahrzeuge zu verteilen und allen eine über die Eingliederungshilfe finanzierte Betreuung zur Seite zu stellen. Bis Mitte der 90er Jahre fuhr die Stadt noch mit eigenen Bussen, eine Begleitung war seinerzeit obligatorisch.

„Jetzt haben offenbar Kostenfaktoren oberste Priorität“, sagt Elternvertreterin Sabine Helmke. Und ihr Kollege Ludwig Kiefer ergänzt, dass die Stadt behaupte, sie beziehe die Ausführungen der Unfallkasse in ihre Bestimmungen mit ein. „Das stimmt aber nicht.“ Tatsächlich empfiehlt die Kasse: Begleitpersonen sind erforderlich, wenn in Fahrzeugen schwerstbehinderte Kinder befördert werden. Auch dann, wenn anfallskranke, verhaltensauffällige, autistische bzw. geistig behinderte oder rollstuhlabhängige Fahrgäste transportiert werden. „Es kommt immer wieder zu Situationen, die ein umgehendes Einschreiten erfordern“, sagt Dörthe Kastens. „Es sind zumeist hochsensible Kinder – sehr schnell kann etwas eskalieren.“

Wie viele Emotionen die jüngsten Ereignisse freigesetzt haben, zeigen die Worte der Mutter eines Kindes der K-Schule. Es gehe hier, sagt sie nachdrücklich, um den Umgang mit den Schwächsten der Gesellschaft. „Die können sich nicht wehren. Und mir stehen die Haare zu Berge, wie die Sache im Sande zu verlaufen scheint!“ Die Schulleitung nimmt sie ausdrücklich aus. „Sie trifft keine Schuld. Es muss sich politisch etwas bewegen – und wir Eltern müssen diese Entwicklung anstoßen.“

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erstellt am 21.Nov.2014 | 08:00 Uhr

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