Pflegeheim in Schleswig : Seniorin verbrüht sich: 85.000 Euro Strafe

Mehr als 85.000 Euro muss der Betreiber eines Pflegeheims bezahlen, weil Betreuer Thermoskannen mit heißem Tee unbeaufsichtigt herumstehen ließen.

shz.de von
08. Juni 2013, 10:30 Uhr

Schleswig | Eine 73-jährige Rollstuhlfahrerin hatte sich mit dem Heißgetränk verbrüht, die Krankenkasse hatte 85.000 Euro Behandlungskosten übernommen - und den Heimbetreiber auf Rückzahlung verklagt. Der muss jetzt zahlen, entschied der 4. Zivilsenat des Oberlandesgerichts in Schleswig (Az. 4 U 85/12). Es habe eine Pflichtverletzung des Pflegepersonals vorgelegen, heißt es in der Begründung.
Die schwer pflegebedürftige Dame saß nach dem Mittagessen mit demenzkranken Bewohnern in einem unbeaufsichtigten Aufenthaltsraum. Die Pfleger hatten die Kannen auf eine Fensterbank gestellt. Offenbar hatte ein demenzkranker Bewohner der Dame Tee eingeschenkt, den sie verschüttete und sich schwer an den Oberschenkeln verbrannte. "Sie musste länger als einen Monat im Krankenhaus behandelt werden, es waren Hauttransplantationen erforderlich", erklärt Gerichtssprecher Jens Bahr.
Eine Pflichtverletzung liege auch dann vor, wenn die Verletzte selbst aufgrund ihrer Behinderung nicht die Möglichkeit hatte, die auf der Fensterbank abgestellten Thermoskannen zu erreichen. Es sei für die Pfleger vorhersehbar gewesen, dass ein sich im Raum befindlicher Bewohner der alten Dame Tee einschenken und ihn verschütten würde - oder dass sie sich beim Verschütten selbst verbrüht, so Bahr. Das Personal hätte dies bei Anwesenheit im Raum verhindern können und müssen. Zwar sei es den Pflegern nicht abzuverlangen, ständig Aufsicht zu führen, da eine Betreuung mit einem "vernünftigen und finanziell tragbaren Aufwand" realisierbar sei. Es hätte aber ausgereicht, dass das Personal die Thermoskannen den Bewohnern weggenommen hätte.

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