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Vergewaltigung in Flensburg : Sechs Jahre Haft für vier Monate Angst

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sechs Monate nach seiner Haftentlassung vergewaltigte Nico D. in Flensburg eine 17-Jährige – und wanderte gleich wieder zurück ins Gefängnis.

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erstellt am 13.Dez.2013 | 09:00 Uhr

Flensburg | Sein Verteidiger Jan Gärtner hatte auf eine milde Bewährungsstrafe plädiert. Stattdessen bekam Nico D. vor der 2. Großen Strafkammer gestern die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Vergewaltigung und Körperverletzung in zwei Fällen bringen den 27-Jährigen für sechs Jahre ins Gefängnis. Weitere Jahre, denn als D. die schicksalhafte Bruder-Schwester-Beziehung mit seinem damals 17 Jahre alten Opfer C.K. begann, hatte er wegen Raubes und schwerer räuberischer Erpressung gerade drei Jahre Haft abgebrummt.

Der Angeklagte vernahm den Urteilsspruch mit versteinerter Miene. Die sehr ausführliche Urteilsbegründung der Kammervorsitzenden Birte Babener ließ keine Zweifel, keine Lücken und keinen Platz für Milde. Die von D. behauptete Funktion des großen Bruders, der die kleine Schwester nur beschützen, nur von den Drogen und ihrem Dealer fern halten wollte, war reine Schutzbehauptung, der Sex in den angeklagten Fällen erzwungen und mit Gewalt gegen Leib und Leben durchgesetzt, stellte die Kammer fest, die in Einklang mit der Gutachterin Dr. Petra Wolf die Glaubwürdigkeit des Opfers als Zeugin voll und ganz gegeben sah. Die Aussagen der jungen Frau seien in ihrer Detailliertheit über viele Ebenen und Zeitsprünge hinweg konstant gewesen.

Es waren nicht nur zwei Vergewaltigungen. Sie waren nach Erkenntnissen des Gerichts unterlegt durch ein subtiles Kontrollsystem, in dem die 17-Jährige gefangen war. Das Opfer konnte nie sicher sein, hatte keine Privatsphäre. D. tauchte unvermutet in ihrem Zimmer auf, beobachtete sie durchs Schlüsselloch, ließ sie durch Bekannte verfolgen.

Das Schicksal spielte dem Täter in die Hand. Der Vater des Opfers war todkrank zu jener Zeit. Hilfe war dort nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Sie wollte ihrem Vater Kummer ersparen, und sie suchte eine Bezugsperson. Das erklärt die Ambivalenz, mit der trotz der Übergriffe eine viermonatige Beziehung aufrecht erhalten wurde, in der es durchaus eine Ebene von Sympathie, auch Zuneigung gegeben haben mag. Doch die Vergewaltigung unter Würgen und Ersticken bis zur Ohnmacht am 23. Dezember letzten Jahres, die Prügel nach einer Entführung mit vorgehaltenem Messer am 18. Januar, die brutale Vergewaltigung in der Toilette der Angeklagten-Wohnung erneut im Würgegriff, schließlich auf einem Spielplatz nahe der Merkurstraße erlittenen Verletzungen am Kopf und am Sprunggelenk, die Panik der mit Panzer-Tape Gefesselten – diese Eskalationen zertrümmerten jedes Vertrauen und hinterließen nur noch Angst. Noch heute, so die Vorsitzende Babener, leide die junge Frau unter den Folgen eines posttraumatischen Belastungssyndroms aus jener Zeit.

In diesen Feststellungen folgte die Kammer voll und ganz der Staatsanwaltschaft und nicht einen Schritt Verteidiger Jan Gärtner, der in der Beweisaufnahme zu anderen Ergebnissen gekommen war.

Gärtner sah seinen Mandanten in der Opferrolle: Weil nämlich die Nebenklägerin die angeblichen Vergewaltigungen im Freundeskreis an die große Glocke gehängt habe, gab es für sie kein Zurück mehr. Die Körperverletzungen sah Gärtner vor dem Hintergrund der auf diesem Schauplatz eskalierenden Beziehung. In der Brahmsstraße habe sein Mandant aber kein Messer dabei gehabt, die Verletzungen auf dem Spielplatz habe sich das Opfer selbst zugefügt, als es nämlich nach einer Ohrfeige unglücklich gefallen sei.

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