Verbot für echtes Reetdach : Schwennauhof in Glücksburg: Mit Kunst-Reet zu altem Glanz?

Die alten Häuser am Eingang der Ferienanlage sind im Kern über 200 Jahre alt, unterliegen aber nicht dem Denkmalschutz.
Die alten Häuser am Eingang der Ferienanlage sind im Kern über 200 Jahre alt, unterliegen aber nicht dem Denkmalschutz.

Die Brandschutzbestimmungen sagen nein: Die baufälligen Häuser von Schwennauhof stehen zu nah beieinander, um die Neubauten mit echtem Reet einzudecken.

shz.de von
17. August 2018, 12:00 Uhr

Glücksburg | Die beiden Häuser am Eingang der Ferienhausanlage „Glück in Sicht“, ehemals Jugendfreizeitstätte Schwennauhof, sind sehr alt und mürbe. Retten kann man sie nicht. Da waren sich in der Sitzung des Glücksburger Bauausschusses alle einig. Die Wände seien nicht mehr stabil. Jede Veränderung bedeute Einsturzgefahr, hieß es. Zurzeit können die Gebäude nur partiell als Lagerfläche genutzt werden.

Abreißen und neu errichten wäre eine Alternative. Genau das will Eigentümer Christoph Koeppen, der Schwennauhof 2013 kaufte und zu „Glück in Sicht“ umwandelte, jetzt tun. 1,5 Millionen Euro werden dafür veranschlagt. Koeppen verdient sein Geld in der Solarbranche, hat in die Glücksburger Ferienanlage bereits in zweistelliger Millionenhöhe investiert. Für die neuen Häuser plant er Dächer aus künstlichem Reet – was einen Stilbruch mit den Ferienhäusern darstellt. Dort wurde Wert auf natürliche Baustoffe gelegt. Der Grund sind Brandschutzbestimmungen. Sie verlangen einen Mindestabstand von 24 Metern zwischen den Dach-Außenkanten von benachbarten reetgedeckten Wohngebäuden. Die beiden Häuser von „Glück in Sicht“ stehen nur etwa sechs Meter entfernt voneinander. An anderer Stelle dürfen sie nicht neu errichtet werden, da Bestandsschutz gilt.

Der Glücksburger Bauausschussleiter Axel Sager (Bündnis 90/Grüne) findet das Produkt Kunst-Reet nicht schön. Beim Reet gehe es ja gerade um ein natürliches Produkt, das sich mit der Witterung verändere. Er empfiehlt einen anderen natürlichen Baustoff für die Dächer, zum Beispiel Seegras. Demonstrativ hatte er zur Sitzung ein Bündel davon mitgebracht: „100 Prozent Natur und aufgrund des hohen Salzgehaltes nicht entflammbar.“

Ausschussmitglied Sebastian Annewanter, Bauingenieur und auf Brandschutz spezialisiert, wollte sich nach Ausnahmegenehmigungen für historische Gebäude erkundigen. Doch Frank Springfeld von der Schleswiger Kreis-Bauaufsicht sieht da „keine Chance“. Nachdem der reetgedeckte historische Krug von Oeversee vor Kurzem niederbrannte, sei man bei diesem Thema besonders sensibel.

Christoph Koeppen findet die Lösung mit dem Kunst-Reet inzwischen gar nicht mehr so schlecht: „Die Kunstprodukte sind schon so fortgeschritten, dass man nahezu keinen Unterschied zum natürlichen Reet mehr erkennen kann“, meint er. Der ursprüngliche Charakter der Häuser bleibe erhalten. Entstehen sollen ein Gästehaus mit sechs Wohnungen/16 Betten. Das andere Haus soll einen Tagungsraum und eine Betriebsleiterwohnung beherbergen.

Im Glücksburger Bauamt liegt das Musterexemplar eines niederländischen Kunst-Reet-Herstellers. Leicht grau und fransig – auf den ersten Blick sieht es recht natürlich aus. „Es ist eines der besseren Produkte, die es auf dem Markt gibt“, urteilt Glücksburgs Bauamtleiter Egon Perschk.

Die alten Häuser stammen im Kern aus dem späten 18. Jahrhundert. 1757 entstanden dort eine Kate und eine Ziegelei, berichtet die Chronik des Kirchspiels Munkbrarup von 1976. Während der 50-jährigen Zeit als Jugendfreizeitstätte waren Gästezimmer samt Duschen und Toiletten, ein Gruppenraum und die Verwaltung dort untergebracht. Umbauten fanden zahlreiche statt, zuletzt 1996 und 2000.

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