Kultur in Flensburg : Schwebende Linien

Irgendwie wolkig: Constanze Vogt neben ihrem Werk „spira“.
Irgendwie wolkig: Constanze Vogt neben ihrem Werk „spira“.

Gestaltungsprinzipien prägen die Material-Kunst von Constanze Vogt, die bei Kunst & Co. ausstellt

shz.de von
14. Juni 2018, 06:24 Uhr

Auf den ersten Blick sieht es auch wie viele Reihen unregelmäßiger schwarzer Flecken an der Wand. Bei näherem Hinsehen kommt einem die Form der Flecken bekannt vor: Es sind Späne, die beim Anspitzen von Bleistiften abfallen. Jeder einzelne hat eine individuelle Form, keiner gleicht dem anderen – und alle sind schwarz.

Constanze Vogt, die ab morgen bei Kunst & Co. unter dem hintersinnigen Titel „wie wenn“ eine kleine Auswahl ihrer Werke zeigt, interessiert sich für das Material und für das Detail. Ja, man könnte sagen, sie ist detailversessen. Und unendlich geduldig.

Im Obergeschoss des Kunsthauses am Klostergang dominiert eine zehn Meter lange Papierrolle den Raum, die so lang ist, dass sie zum Teil an der Wand hängt und zum Teil auf dem Boden liegt. Zu sehen ist eine in sich verdrehte, luftige, irgendwie schwebende Spirale aus Grautönen. Man muss lange hinschauen, um das Kompositionsprinzip zu erkennen – oder man fragt die Künstlerin selbst, zum Beispiel morgen bei der Vernissage. Das Werk „spira“ besteht ausschließlich aus 50 Zentimeter langen, dünnen schwarzen Linien! Wo sie fast parallel verlaufen, wirkt die Spirale luftig, wo sie zusammenlaufen, erscheint sie schwarz.

Im Erdgeschoss hängt eine Reihe gerahmter Miniaturen, die nach dem gleichen Prinzip gestaltet wurden – nur sind die Linien hier fünf Zentimeter lang. Sie wirken gleichzeitig grafisch und poetisch. „Alle denken, dass es digital ist“, sagt die 34-jähriger Kielerin. „Aber es ist alles mit der Hand gemacht“, gezeichnet mit einem Fineliner.

„Spira“ hat sie vor wenigen Jahren im Rahmen eines Atelier-Stipendiums in der Leipziger Baumwollspinnerie fertiggestellt. 2017 hat Constanze Vogt in Kiel den renommierten Gottfried-Brockmann-Preis erhalten.

Fotopapier von der Rolle könnte man bedrucken. Constanze Vogt indes bearbeitet es intensiv mit der Nähmaschine – so lange, bis eine Schneelandschaft oder eine Gletscherwand entsteht. Durch die Zerstörung bekomme das Material eine gänzlich neue Textur. „Viele denken, es ist geschmolzenes Plastik“, schmunzelt sie.

Ein gänzlich aus der Mode gekommenes Material ist Pauspapier. Die Künstlerin hat rund 200 Stück davon zu einer luftigen Skulptur zusammengenäht. Wenn man sie eng umkreist, gerät sie in Bewegung.

Das gilt auch für die Skulptur „reifen“, die nach ebenso strengen Prinzipien aufgebaut ist wie die Linienbilder und trotzdem etwas Leichtes, Schwebendes hat. Drei Holzreifen – zwei kleine, ein großer in der Mitte – sind durch gespannte und gewickelte schwarze Fäden – man möchte sie nicht zählen! – miteinander verbunden und hängen, gespannt durch ein Betongewicht, frei im Raum.

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