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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Schulstreit um die IGS teilt die Stadt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1992 wurde in Flensburg die erste Integrierte Gesamtschule eröffnet. 2009 wird sie in Fridtjof-Nansen-Schule umbenannt.

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Es gab viele politische Auseinandersetzungen in den 90er Jahren in Flensburg, die in ihrer Intensität an Grabenkämpfe und Glaubenskriege erinnerten. Einer der heftigsten tobte um die Einführung der Integrierten Gesamtschule, Lieblingskind für die einen, Feindbild für die anderen. Die Ablehnung ihrer Gegner gipfelte in einem Bürgerbegehren, das jedoch keinen Erfolg hatte: Nach den Sommerferien 1992 ging die neue Schule im früheren Gebäude der Realschule Ost an der Elbestraße im Stadtteil Fruerlund an den Start.

Die Initiative ging von einer Gruppe junger Lehrer aus, die meisten von ihnen waren an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Adelby beschäftigt, der heutigen Kurt-Tucholsky-Schule. Unter ihnen war Jochen Arlt, der später Gründungsschulleiter wurde und die IGS bis 2011 leitete. Daneben gab es eine höchst engagierte Eltern-Initiative, die schon 1989 öffentlich über ihre Ideen informiert hatte und sich 1990 in einen Förderverein umwandelte. Für die politische Rückendeckung sorgte vor allem die SPD-Ratsfraktion. Hilfreich war der Regierungswechsel in Kiel von 1988 von der CDU zur SPD unter Björn Engholm. Auf der Gegenseite standen die Flensburger CDU und eine Eltern-Initiative, die eng mit der CDU verflochten war.

Im Juni 1990 fasste die Ratsversammlung den Grundsatzbeschluss zur Gründung einer Integrierten Gesamtschule – mit den Stimmen von SPD, SSW und Grünen, gegen die der CDU. Eine Befragung unter Grundschuleltern brachte eine knappe Mehrheit für die Einrichtung einer IGS. Der Elternwille war immer eines der Hauptargumente der Befürworter. Wenig später erregte bereits die Standortfrage die Gemüter: Wohin mit einer neuen Schule? In den Sommerferien geisterte das Gerücht durch die Stadt, die Auguste-Viktoria-Schule (AVS) sei in den Fokus gerückt. Im Herbst schlug das Schulverwaltungsamt vor, AVS oder Goetheschule in eine IGS umzuwandeln. Die CDU wollte spätestens jetzt einen Bürgerentscheid, um – aus ihrer Sicht – drohendes Unheil in der Schullandschaft zu verhindert .

Im November 1990 brachte der Vorsitzende des Fördervereins, Horst Rieger, erstmals die Realschule Ost an der Elbestraße als möglichen Standort ins Gespräch. Während die vier Gymnasien der Stadt damals gut ausgelastet waren, litten die Realschulen bereits unter mangelndem Zulauf. Der Widerstand gegen den Standort-Vorschlag ließ nicht lange auf sich warten; er kam aus der Schule selbst, von Eltern und von der CDU, die sofort ein Bürgerbegehren gegen diese Standortwahl ins Gespräch brachte.

Schüler demonstrierten vor dem Rathaus gegen die Umwandlung. Mit 11500 Unterschriften machte sich die „Bürgerinitiative zur Erhaltung der Realschule Ost“ für ein Bürgerbegehren stark. Am 10. November wurden die Flensburger zur Urne gerufen: Nur jeder fünfte Wahlberechtigte beteiligte sich an der Abstimmung, am Ende fehlten fast 7000 Stimmen, um den Ratsbeschluss zur Einrichtung einer IGS in den Räumen der Realschule Ost zu kippen. Die CDU beklagte öffentlich den „Todesstoß“ für die Schule an der Elbestraße.

Nach den Sommerferien 1992 sollte der Schulbetrieb an der Elbestraße beginnen, gespannt wartete man auf Anmeldungen für 91 Plätze. Die Eltern von 121 Viertklässlern wollten ihre Kinder auf die neue Schule schicken, 30 mussten abgewiesen werden. In den folgenden Jahren stiegen die Zahlen kontinuierlich an und waren bald beim Doppelten der Plätze und darüber. Waren anfangs die Schüler mit einer Gymnasialempfehlung deutlich in der Minderheit, stieg ihr Anteil in den folgenden Jahren kontinuierlich an und erreichte bald das angestrebte Drittel eines jeweiligen Jahrgangs. Einige Jahre später machten die ersten Schüler ihr Abitur an der Schule, die nach der jüngsten Schulreform in eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe umgewandelt wurde.

Nächstes Streitthema der Anfangsphase war der Ganztagsbetrieb. Die Initiatoren um Jochen Arlt hatten nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die IGS zur ersten Ganztagsschule Flensburgs machen wollten. Dazu musste eine Mensa her, denn es sollte ein Mittagessen angeboten werden. Hierfür musste die Stadt Geld in die Hand nehmen – auch das versuchte die CDU zu verhindern. Statt teure Neubauten zu errichten, wurde die Mensa schließlich in der Aula eingerichtet, die damit zu einem Mehrzweckraum wurde. Das Essen kam vom benachbarten Kraftfahrt-Bundesamt – auch das eine absolute Neuerung im Flensburger Schulwesen. Einen deutlichen Schub in der allgemeinen Akzeptanz erfuhr die Schule, nachdem sich Bürgermeister Hermann Stell, der unter anderem auch für Bildung und Kultur zuständig war, deutlich für die Schule ausgesprochen hatte. In den Jahren danach wurde die IGS eine der beliebtesten und am stärksten nachgefragten Schulen der Stadt. Seit 2009 heißt sie Fridtjof-Nansen-Schule.

 

 

 

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