Betrug in Flensburg : "Schuldig" wegen Wohnungsreparatur

Wehrhafter Mieter: Teodor Rop in der Teichstraße will gegen seine Verurteilung auf Bewährung wegen Betrugs zum Nachteil des Jobcenters vorgehen. Foto: Staudt
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Wehrhafter Mieter: Teodor Rop in der Teichstraße will gegen seine Verurteilung auf Bewährung wegen Betrugs zum Nachteil des Jobcenters vorgehen. Foto: Staudt

Hartz-IV-Empfänger Teodor Rop behob Schäden in seiner Wohnung auf eigene Kosten - und kürzte deswegen die Miete. Dafür erhielt er zwei Jahre auf Bewährung wegen Betrugs.

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31. August 2011, 07:53 Uhr

Flensburg | Der Putz bröckelt von den Wänden. Schimmel, kaputte Fenster. Das sind Zustände, über die sich Petra Jünglings und Teodor Rop gleichermaßen aufregen. Doch aus unterschiedlichen Gründen. Jünglings ist Vermieterin, die ihre Wohnungen immer wieder in desolatem Zustand vorfindet. Rob ist Mieter, der in einer solchen Unterkunft in Flensburg hausen musste.
Jüngst hatte die Politik, angeführt von der Akopol-Fraktion, den schwarzen Schafen unter den Vermietern den Kampf angesagt. Ins Fadenkreuz sollten solche Wohnungsanbieter genommen werden, die heruntergekommene Wohnungen an Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger vermieten, aber den vollen Mietsatz von der Stadt kassieren.
"Es gibt auch schwarze Schafe unter den Mietern"
Petra Jünglings (Name geändert) reagiert empört auf diesen Vorstoß. "Es gibt auch schwarze Schafe unter den Mietern", sagt sie. Die 84-Jährige, die neun Wohnungen in der Neustadt besitzt, weiß, wovon sie spricht. Immer wieder übergeben ihr die Mieter verdreckte, unrenovierte Wohnungen. "Es wurden auch schon ganze Teppiche rausgerissen; ich musste eine komplette Küche ersetzen", erzählt Jünglings. Für die Kosten kommt sie auf. "Wo soll ich das Geld denn herholen? Ich gebe mehr aus, als ich einnehme." Die Handwerkerkosten gehen in die Tausende. Jüngst zog ein Mieter in einer Nacht- und Nebelaktion aus, hinterließ die Wohnung völlig chaotisch und war mit den Nebenkosten im Rückstand - obwohl die, ebenso wie die Miete, das Jobcenter für den Hartz-IV-Empfänger übernimmt. Dort wollte Jünglings die neue Adresse des Ex-Mieters herausbekommen. Zwar zahlte das Jobcenter bereits an den neuen Vermieter, die Kontaktdaten gaben sie aber nicht heraus. Datenschutz. "Wenn wir davon erfahren, sprechen wir unseren Kunden bestimmt darauf an", erklärt Pressesprecher Herbert Larsen. Ansonsten sei es ein privatrechtliches Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter, in das das Jobcenter nicht eingreift. "Wenn der Anspruch auf Mietunterstützung besteht, zahlen wir. Wir können ja nicht an allen Türen klingeln, und prüfen, wie gewohnt wird." Genau das fordert aber Jünglings: "Die sind zu faul, um sich die Wohnungen anzugucken." Jünglings räumt ein, dass es schwarze Schafe unter Vermietern gibt.
Davon kann Teodor Rop ein Lied singen. Weil er würdevoll leben wollte, ist er nun vorbestraft. 2007 tauchen in der Wohnung des gebürtigen Rumänen an der Mittelstraße daumendicke Risse in den Wänden auf. Durch die Decke dringt Wasser, Schimmel breitet sich aus, zerstört Schränke, Sessel, Kleidungsstücke. Das Gesundheitsamt bescheinigt: "Die Wohnung ist nicht ihrem Zweck entsprechend ohne Missstände zu nutzen. Es bestehen Beeinträchtigungen des Wohlbefindens und Gesundheitsgefahren." Rop wendet sich an den Vermieter, es kommen Gutachter und Baufirmen - doch nichts passiert. Ihm wird sogar die Schuld für die Schäden zugeschrieben. Dem 61-Jährigen platzt der Kragen: "Ich darf doch wohl als Mensch leben."
"Das ist unser Geld"
Er kauft sich ein Mietrechtsbuch. Darin findet er die Regelung, dass er einen Teil der Miete einbehalten darf, wenn er dafür renoviert. Das tut Rop. Über zwei Jahre nimmt er 70, 90 oder 100 Euro, um die Schäden in seiner Wohnung provisorisch zu beheben. 2305 Euro kommen zusammen. Nach anfänglichem Ärger mit dem Vermieter, duldet dieser das Vorgehen. "Das war für ihn wohl günstiger als die Wohnung komplett zu sanieren", vermutet Rop, der Bautechniker ist, seit 2008 jedoch ohne Arbeit dasteht und Hartz IV bezieht. Daher übernimmt für ihn das Jobcenter die Miete samt Nebenkosten. Als die Sachbearbeiterin von der Mietrückhaltung erfährt, ist sie entsetzt: "Das ist unser Geld." Die 2305 Euro müsse Rop zurückzahlen. Denn: Das Jobcenter übernimmt nur den Betrag, den Rop an seinen Vermieter überweist. Da er die Mietminderung nicht angezeigt habe, habe er zu unrecht Hilfe bezogen. "Wenn er das eigenständig macht, geht das zu weit", sagt Larsen. Rop habe versucht, sich "Vermögensvorteile zu verschaffen", heißt es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft, die Rop wegen Betrugs anklagt.
Er ist entsetzt. "Ich bin reich?", fragt er sarkastisch. Aus eigener Tasche habe er die von ihm durchgeführten Renovierungen mitfinanziert. Doch ohne Rop angehört zu haben, spricht ein Richter das Urteil: schuldig. Rop wird zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. "Ich will wie ein normaler Mensch leben, und jetzt bin ich ein Verbrecher", sagt Rop. Seit zwei Monaten lebt er in einer neuen Wohnung - ohne Schimmel, mit vollen Mietzuschüssen. Doch gegen das Urteil will er noch vorgehen.

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