Friedensweg Flensburg : Schöne Ernte im Garten der Kulturen

Gute Ernte: Vorne, von links: Ghafar Shermamadi, Farid Mohammadi, Holger Ketels, Edris Mohammad Jan Hinten, von links: Ahsor Abataev, Esmail Sadeghi, Tekle Kahsay Asfha.
Gute Ernte: Vorne, von links: Ghafar Shermamadi, Farid Mohammadi, Holger Ketels, Edris Mohammad Jan Hinten, von links: Ahsor Abataev, Esmail Sadeghi, Tekle Kahsay Asfha.

Flüchtlinge ohne klare Perspektive haben sich in einem Bequa-Projekt am Friedensweg ins Zeug gelegt – jetzt hoffen sie, dass es weitergeht

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29. September 2017, 05:41 Uhr

Angesichts des durchwachsenen Sommers dürfen Holger Ketels, Farid und Edris Mohammadi & Co von einer prächtigen Ernte sprechen. Täglich tragen die Asylbewerber aus Afghanistan, dem Iran, Marokko, Eritrea und Tschetschenien Kisten mit Kartoffeln, Wurzeln oder Äpfel vom Feld der Bequa am Friedensweg in die nahe Flüchtlingsunterkunft. Sogar vier Meter hohe Sonnenblumen standen hier und ein kleines Gewächshaus – die Riesenblumen und das Glashaus allerdings nur bis zum jüngsten Sturm.

Das runde Dutzend Asylbewerber, das hier seit Anfang April gegärtnert hat, lebt überwiegend 150 Meter entfernt in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft am Friedensweg, die aktuell 200 Bewohner zählt. Und während die Kinder in die Kita oder zur Schule gehen, durften die Väter, die allesamt noch im Asylverfahren sind, dank des Projekts der Beschäftigungsgesellschaft Bequa jeden Tag zur Arbeit gehen – aufs Feld auf der gegenüberliegenden Straße: „Bis dahin war ein Problem, dass die Leute auf der Stube saßen und unter sich geblieben sind“, berichtet Elmar Pagel von der Awo. In dem Bequa-Projekt, dass sich explizit an Flüchtlinge aus Ländern ohne klare Bleibeperspektive richtet, die sonst eben nur hätten Däumchen drehen dürfen, hätten nun alle sprachlich einen großen Sprung nach vorn gemacht – und es bildeten sich Freundschaften über nationale und religiöse Grenzen hinweg.

Gärtner Holger Ketels erinnert sich noch gut, wie er am Anfang mit Händen, Füßen, Deutsch und Englisch den praktischen Unterricht gestalten musste. Dabei gehört zum Projekt die tägliche Theorie – ein halbtägiger Sprachkurs am Vormittag. Allerdings sei es am Anfang immer wieder vorgekommen, dass die Familien ihre Kinder zum Übersetzen hätten holen müssen – sogar Drei- oder Vierjährige, die die deutsche Sprache binnen Monaten in sich aufgesogen hätten, wurden Übersetzer.

Gärtner Ketels erinnert sich, wie die Teilnehmer im Frühjahr mit großer Motivation die Arbeit aufgenommen hatten: „Den Motorpflug haben sie abgelehnt – und den Garten in kürzester Zeit kultiviert. “ So kam jetzt nach drei Jahren Brache am Friedensweg wieder die erste Ernte – zuvor hatte die Bequa hier zehn Jahre lang grüne Projekte mit Ein-Euro-Jobbern entwickelt.

Immerhin 80 Cent pro Stunde extra bekommen auch die Asylbewerber – außerdem Tomaten, Karotten, Salat, Rote Beete und Gewürze: „Sie waren ganz scharf auf Basilikum“, erzählt Ketels.

Die Idee der Bequa, den Flüchtlingen ohne klare Perspektive in diesem Projekt erste Jobaussichten aufzuzeigen, trifft auf eine regionale Wirtschaft mit anhaltend guter Konjunktur und immensem Bedarf an Arbeitskräften. Die Qualifizierungsgesellschaft Bequa hat insgesamt 300 Integrationen seit Januar in den ungeförderten Arbeitsmarkt in Stadt und Kreis gezählt: „Wir merken, dass wir selbst die Schwächeren auf den Arbeitsmarkt integrieren können“, sagt Bequa-Geschäftsführer Christoph Fels etwas verwundert.

Deshalb hoffen Farid und Edris Mohammadi und ihre Freunde nun darauf, dass sie vielleicht die nächste Ernte einfahren können – mit einer Chance auf dem Arbeitsmarkt.

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