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Justizärger in Flensburg : Schlimme Jahre mit Avalon

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Fehlkauf und seine Folgen: Flensburger Segler verzweifelt an der Langsamkeit des Gerichts und der Allmacht der Gutachter

shz.de von
erstellt am 27.Mai.2017 | 12:40 Uhr

Dies ist die Geschichte von einem traurigen Mann und einem schönen Schiff. „Avalon“ heißt die weiße klassische 6,5 KR-Yacht aus dem Jahr 1959, die den Flensburger Thomas Cimbal in einem fast fünf Jahre andauernden Rechtsstreit um sein Erspartes und eine schöne Lebensperspektive gebracht hat. Daran nicht ganz unbeteiligt: die Hamburger Justiz. Zur Zeit des Kaufs war Cimbal 65 Jahre alt, wollte den Lebensabend gemächlich mit Reisen unter Segeln verbringen. Jetzt wird er 70, ist noch keine 50 Meilen gereist und geht in einem Zivilprozess mit ungewisser zeitlicher Perspektive in die zweite Runde. „Avalon“ liegt aber immer noch da, wo sie im Oktober 2012 nach nur vier Tagestörns ausgemustert wurde: hoch und trocken im Winterlager in Egernsund. „Hätte ich es gewusst, ich hätte das Schiff nie im Leben gekauft!“, sagt Cimbal. Er findet, der Verkäufer habe ihn vorsätzlich betrogen. „So etwas ist ein Fall für den Staatsanwalt. Ich habe Strafanzeige gestellt.“

In der schöngefärbten Maklerwelt war natürlich alles super. Durch den Yachthandel Sonwik wurde – im Eigner-Auftrag – die bei der renommierten De Dood-Werft nach einem Entwurf des nicht minder renommierten Konstrukteurs Anton Miglitsch gebaute klassische Yacht angeboten. Was Cimbal nach einer positiv verlaufenen Inspektion von Rigg, Rumpf und Segeln besonders beruhigte, war dies: Der Volvo-Motor sei neuwertig, generalüberholt, versicherte der Verkäufer. Was Thomas Cimbal damals nicht wusste: Während der Verkaufsverhandlung und noch zwei Monate nach dem Übergang der Yacht in sein Eigentum führte der Verkäufer aus dem Hamburger Umland wegen der notorischen Unzuverlässigkeit der Maschine einen Zivilprozess gegen die Firma, die den Motor eingebaut hatte. Cimbal gegenüber erwähnte der Mann dieses Hintergrundgeschehen mit keiner Silbe.„Hätte ich es gewusst, ich hätte hundertprozentig die Finger von dem Schiff gelassen.“


Andauernde Startprobleme


So nahm das Unglück seinen Lauf. Am 25. Juli 2012 wurde der Kaufvertrag über 31 000 Euro unterschrieben, zum Segeln aber kam Cimbal schon gar nicht mehr. „Avalon“ fiel andauernd durch Startprobleme und unsicheren Motorenlauf auf, ein Austausch des Anlassers brachte nur kurzfristig Besserung. Mit dem wuchtigen Siebentonner unterwegs zu sein, wurde dem versierten Segler wegen des unzuverlässigen Diesels zu gefährlich. „Einmal trieb ich bei Windstärke sechs ohne Antrieb mit drei Knoten Fahrt durchs Hafenbecken“, erzählt er. „Das war nicht mehr zu verantworten.“ Frustriert überführte Cimbal seine Yacht im Oktober nach Egernsund ins Winterlager. Dort ging der Traum vom Segeln nahtlos in den bis heute andauernden Rechtsstreit über.

„Der ist Schrott“, befand kurz und bündig Flemming Søjholm, Fachmann für Volvo-Bootsmotoren. Cimbal hatte den dänischen Meister gebeten, die Maschine winterfest zu machen. Aber das erübrigte sich. Als Søjholm den Motor für den Spülvorgang starten wollte, sprang er gar nicht erst an. Als Søjholm in dem schließlich ausgebauten Aggregat der Ursache tiefer auf den Grund ging, stieß er auf einen katastrophalen Befund: eingebrannte Ablagerungen, Korrosion – die angeblich neuwertige Maschine war schwer angeschlagen. Funktionsuntüchtig wegen einer fehlerhaft verbauten und unterdimensionierten Abgasanlage, wie der Fachmann vermerkte. Ein, wie er Cimbal erklärte, klassischer Schaden bei klassischen Yachten mit ihren langen Überhängen und beengten Platzverhältnissen im Heck.

Cimbal wusste, dass er jetzt ein Problem hatte. Er holte sich den an der Flensburger IHK vereidigten Sachverständigen für Schiffsmaschinenbau und Traditionsschiffe Ludwig Henftling aus Glücksburg zur Hilfe. Der bestätigte in einem Besichtigungsbericht den Befund Søjholms. Avalons Problem war die Abgasanlage, die das für Motorkühlung angesaugte Seewasser durch den Auspuff nach draußen befördert. Wegen falsch dimensionierter Bauteile war aggressives Seewasser aus dem Kühlkreislauf in den Verbrennungstrakt gelangt und hatte einen schleichenden Motorentod eingeleitet – über einen langen Zeitraum. Klipp und klar stellt Motorenexperte Henftling fest, dass die zu beobachtenden Schäden unmöglich in den drei Betriebsstunden eingetreten sein konnten, die Cimbal in zwei Monaten unter Maschine gefahren war. Der geprellte Yachteigner klagte vor dem Hamburger Landgericht auf Schadenersatz – noch hoffnungsfroh ob des Expertenbefunds.


Seltsame Rolle der Gutachter


Die Klage wurde jetzt nach über vier Jahren Prozessdauer abgewiesen. Nicht nur Cimbal ist entsetzt – sein Flensburger Anwalt Jochen P. Kunze ist es auch. „Es steht nicht fest, dass die verkaufte Yacht zum Zeitpunkt der Übergabe einen Mangel aufgewiesen hat“, befindet die 17. Zivilkammer in ihrem Urteil. Und wo neuwertig und grundüberholt drauf steht, muss nach Überzeugung des Hamburger Gerichts nichts Neuwertiges drin sein, es muss zum Übergabezeitpunkt nur funktionieren. Die Bezeichnung „neuwertig“ sei weit gefasst und beschreibe lediglich eine einwandfreie Funktion, heißt es in der Urteilsbegründung.

Gutachter spielten in diesem komplexen Verfahren auch eine Rolle, aber eine seltsame. Die Kammer hatte einen Bootsbauer als Gerichtsgutachter eingesetzt, der aber lediglich zu dem Ergebnis kam, dass es sinnvoll sein könnte, den Motor wieder einzubauen und das Schiff schwimmend mit halb gefülltem Treibstofftank zu inspizieren. Er vermutete das Problem irgendwo in der Schwimmlage des Bootes. Der „Motorentod-Klassiker“ war ihm offenbar nicht bekannt. Als Kunze und Cimbal entnervt einen Obergutachter verlangten, ließ das Gericht sie abblitzen, auf die als sachverständige Zeugen angebotenen Experten Søjholm und Henftling verzichtete die Kammer ganz – ein Unding, findet Kunze. „Ein Richter muss alle angebotenen Beweise ausschöpfen. Ich habe so etwas in 17 Jahren Anwaltstätigkeit noch nicht erlebt.“

Cimbals weitere Reise mit Avalon geht ins Ungewisse. Jochen Kunze sieht zwar gute Chancen für eine erfolgreiche Revision vor dem Oberlandesgericht, aber die Zeit läuft Thomas Cimbal davon. „Im Erfolgsfall verweist das OLG die Klage nächstes Jahr zurück ans Landgericht. Wenn wir dann Pech haben, landen wir wieder vor der gleichen Kammer“, fürchtet der Rechtsanwalt. „Wenn wir Recht bekommen, haben wir zunächst einmal nur einen Titel. Das Geld müssen wir eintreiben.“

Und Geld ist ein Faktor: Die Finanzierung des Rechtsstreits hat Cimbal tief in die roten Zahlen rutschen lassen. So tief, dass im Prinzip nur eines bleibt: die Flucht nach vorn. Um seinen Traum zu retten, hat er sein Vermögen eingesetzt und vor Gericht auf Sand gebaut. Avalon, der Name des mystischen Orts, der sich der Gegenwart entzieht, droht für Thomas Cimbal zum Menetekel zu werden – trotzdem macht er weiter. „Ich gebe nicht auf!“

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