zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

18. November 2017 | 05:51 Uhr

Schlechte Chancen für Shaker Omari

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In den Mühlen der Bürokratie: Afghanischer Flüchtling hofft vergeblich auf eine Wohnung an seinem Arbeitsplatz Flensburg

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2017 | 10:00 Uhr

Man möchte nicht tauschen: Mohammad Shaker Omari hat ein Schicksal wie unzählige Leidensgenossen aus seiner Heimat Afghanistan. Ein trauriges Schicksal. Im Sommer 2015 flüchtete er aus Kabul – zu Fuß, per Boot und Bus. Er betrachtet sich nicht als politisch Verfolgter. „Ich hatte einfach nur das Pech, den falschen Mann zu besiegen“, sagt er. Omari war Mitglied der Kung-Fu-Nationalmannschaft und hatte eines Tages einen Gegner vor der Brust, der aus einer reichen, einflussreichen Familie stammte.

Vielleicht hätte er absichtlich verlieren sollen – aber er gewann. Fortan wurden er und seine Verwandtschaft beschimpft und mit dem Tode bedroht. Er wurde mit einem Schlagring malträtiert. „Es gab keinen Schutz.“ Um Schlimmeres zu verhüten und seine Familie zu schützen, verließ er sein Land. „Mein Vater hat es mir nahe gelegt“, sagt Omari. Er strandete im Kreis Schleswig-Flensburg, Uelsby, Ortsteil Hollmühle. Und plötzlich gab es ein Licht am Ende des Tunnels.

Im Gegensatz zu anderen jungen Geflüchteten hat Shaker Omari gute Chancen, in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Er ist bei seinem Vater als Optiker in die Lehre gegangen, hat sie mit einem Zertifikat abgeschlossen und sogar einige Zeit selbstständig gearbeitet. Über eine Vermittlungsagentur erfuhr der Flensburger Augenoptiker Jens Drews von dem 24-Jährigen. „Ich habe ihm bereits im letzten Jahr ein dreiwöchiges Praktikum angeboten und eine Ausbildung in Aussicht gestellt.“ Omari bewährte sich. Seit Februar macht er in dem Laden an der Großen Straße eine EQ (Einstiegsqualifizierungs)-Maßnahme, die Ende Juli endet. Danach soll die Ausbildung beginnen. „Dafür sind alle Hürden bereits genommen“, sagt Drews: Es gibt die Einwilligung der Ausländerbehörde sowie der Handwerkskammer, die Anmeldung bei der Landesberufsschule, die Versicherung bei einer Krankenkasse und finanzielle Mittel durch die Bundesagentur für Arbeit. Die Crux jedoch: Der junge Mann muss morgens um acht Uhr das Haus verlassen, damit er nach zwei Stunden pünktlich zur Arbeit kommt. Und er muss vor Geschäftsschluss gehen, damit er überhaupt noch eine Verbindung nach Uelsby bekommt. Am Sonnabend gibt es zu den erforderlichen Zeiten überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel. Und dass Pünktlichkeit selbst in Deutschland nicht immer die erste Geige spielt, musste er am Beispiel Bahn erfahren.

„Wir haben über die Ausländerbehörde versucht, einen Wohnsitz für Shaker in Flensburg genehmigen zu lassen“, sagt Drews. Hier gibt es inzwischen bezahlbare Angebote. „Ich könnte ihm schon morgen ein neues Zuhause bieten.“ Ihm sei im Rathaus jedoch beschieden worden, dass es einen Aufnahmestopp gebe. Stadt und Kreis haben feste Kontingente, heißt es dazu auch aus dem Sozialzentrum Schleswig. Sicherlich sei es wünschenswert und sinnvoll, dass der künftige Auszubildende nach Flensburg ziehen könne. „Aber dazu können wir die Stadt ja schlecht zwingen“, sagt ein Sprecher. Er verweist auf einen ähnlichen Fall: Ein Flüchtling habe an der Uni ein Studium beginnen und in Flensburg wohnen wollen. Auch das sei abgelehnt worden. Im Fall Omari gebe es deshalb die Empfehlung, sich an der Peripherie Flensburgs zu orientieren.

Verwaltungssprecherin Asta Simon bestätigte auf Nachfrage, dass man es hier mit keinem Einzelfall zu tun und deshalb bereits eine Anfrage an das Land gerichtet habe. Sie erklärte, es gebe tatsächlich die gesetzliche Möglichkeit, eine Wohnsitzauflage zu streichen. „Aber nur, wenn der Lebensunterhalt durch die Ausbildungsvergütung vollständig gedeckt ist.“

Das muss bezweifelt werden. Der Regelbedarf liegt bei 409 Euro. Die aktuellen Unterkunftskosten von 182 Euro werden vom Sozialzentrum des Kreises übernommen. „Die 550 Euro, die ich ihm im ersten Lehrjahr zahlen möchte, werden angerechnet“, sagt Jens Drews. Letztlich bleibt Omari nach dem Asylbewerberleistungsgesetz derzeit eine Summe von 269 Euro. Davon müsste er mit dem Status „geduldet“ auch noch seine Deutschkurse bezahlen.

Der Optikermeister tut, was er kann: Er hat seinen Schützling eingekleidet, übernimmt Fahrtkosten, würde notfalls auch die Differenz für eine teurere Wohnung übernehmen. „Ich führe seit fünf Monaten einen regelrechten Papierkrieg“, sagt Drews und hält einen gut gefüllten Aktenordner in die Höhe.

Für den Afghanen hat sich auch noch die Hoffnung zerschlagen, dass ihm die Stadt aus humanitären Gründen entgegen kommt. Diese Entscheidung liegt im Ermessen der Ausländer- bzw. Zuwanderungsbehörde. „Diese Voraussetzung“, so Asta Simon, „ist leider nicht gegeben. Wir nehmen junge Flüchtlinge grundsätzlich gern im Stadtgebiet auf. Doch nur dann, wenn der Kreis für die aufenthalts- und leistungsrechtlichen Belange weiterhin zuständig bleibt.“

Man muss befürchten, dass Shaker Omari in den Mühlen der Bürokratie langsam aber sicher zermürbt wird. Doch die Zeit drängt. „Wir müssen Fakten schaffen, bevor die neue Regierung im Amt ist“, sagt Drews. Noch gilt der Abschiebestopp für Flüchtlinge aus Afghanistan  .  .  .

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen