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MS Deutschland : Schlaflose Nächte mit dem Traumschiff

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Flensburger Handwerksbetrieb fiel auf den schönen Schein von MS Deutschland herein: Erst geliefert, dann gelackmeiert.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Die Fernsehserie ist das eine – die Realität eine andere. Das Dauerlächeln der Chefstewardess Beatrice von Ledebur (alias Heide Keller): ist ihm vergangen. Käpt’n Stefan Burger: (Sascha Hehn) kann ihn mal kreuzweise. Und der ganze Rest an Bord. Illusionstheater! Und er – Helmut Wolter – ist drauf reingefallen. Der Flensburger ist Chef bei Holtegel, gleichermaßen Spezialist für Haushalts- und Industrietechnik. Am 9. Oktober 2014 half dieses Flensburger Unternehmen dem Lübecker Traumschiff „Deutschland“ aus Seenot. Und ausgerechnet das Traumschiff sorgt seither für schlaflose Nächte.

Wolter setzte bei der Rettungsaktion vor einem Jahr 15  164 Euro und 20 Cent zu. Geld, dass er wohl abschreiben kann. Einen Monat nach der Rettung jedenfalls meldete die Beteiligungsgesellschaft Insolvenz an, und Helmut Wolter ärgert sich noch heute, dass die bei größeren Geschäften übliche Routine unterblieben ist. „Ganz klar. Das war der Glanz des Traumschiffs. Schöne Musik, schöne Menschen. Der schöne Schein. Kein Gedanke daran, dass das ZDF-Traumschiff Pleite gehen könnte.“

Konnte es wohl. Ende Oktober wurde Insolvenzantrag gestellt. Zuvor aber – am 9. Oktober war in Flensburg ein Auftrag mit Dringlichkeit gelaufen auf. Holtegel – in Schleswig-Holstein Industriepartner des dänischen Pumpenherstellers Grundfos – sollte schnellstens einen Trägerkopf BME 1 per Express nach Lissabon liefern, wo die Deutschland in Kalamitäten geraten war. Auf dem gesamten Schiff war nämlich die Frisch- und Brauchwasserversorgung ausgefallen, weil in der bordeigenen Wiederaufbereitungsanlage der Trägerkopf“ den Geist aufgegeben hatte. „Die brauchten das Aggregat unbedingt. Geld spielte keine Rolle.“

Das Ersatzteil für die Hochleistungspumpe (sie fördert 95 Kubikmeter mit 64 bar Druck) war keine 12 Stunden später zur Montage auf dem Expressweg zum Kunden. Zu Wolters Leidwesen verhielt sich das mit dem vom Lieferanten in Rechnung gestellten Betrag genau umgekehrt. „Die Skontofrist verstrich, die Mahnung blieb unbeantwortet, und dann waren sie ja auch schon pleite.“ Wolter ließ noch prüfen, ob strafrechtlich was zu machen sei. „Hätte ja sein können, dass sie am 9. Oktober schon wussten, dass diese Rechnung nicht bezahlt werden kann. Aber, ich hab das dann gelassen. Das führt meistens zu Nichts.“ Zu seinem Leidwesen konnte er das Pumpenteil auch nicht wieder ausbauen – bei Dingen, die fest mit dem Schiff verbunden sind, entfällt der Eigentumsvorbehalt des Handwerkers. „Es ist diese Ohnmacht, die einen so ärgert. Da hilft man noch mit, den Schiffsbetrieb zu sichern und wird so abserviert.“

56 Millionen Euro Verbindlichkeiten hatte das Passagierschiff unter deutscher Flagge angehäuft. Der Löwenanteil der Forderungen – rund 50 Millionen Euro – sind Anleiheschulden bei Gläubigern. Dass am Ende des Insolvenzverfahrens 15  164, 20 Euro für die Holtegel GmbH & Co KG herausspringen könnten, glaubt Helmut Wolter nicht. Die Deutschland wurde im Mai an eine amerikanische Firma verkauft und soll unter Bahamas-Flagge als World Odyssey künftig eine Universität auf Kreuzfahrt sein. Der Verkaufspreis wird – unbestätigt – mit 18,1 Millionen Euro angegeben. Das dürfte kaum reichen, um alle Gläubiger zufriedenzustellen, zumal Insolvenzerwalter Reinhard Schmid-Sperber vom Kaufpreis noch eine Menge laufender Kosten begleichen musste. Helmut Wolter hat die Sache abgehakt. „Wenn man sich die Zahlen anguckt“, sagt er, „dann steht das alles auf ganz wackeligen Beinen.“

 

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