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Flensburger Schiffbau-Gesellschaft : Schiffspuzzle mit elf Millionen Teilen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer interessiert sich für den hochkomplexen Neubau der FSG, aber auch für schöne Yachten aus Mahagoni.

Flensburg | Unten im Rumpf hat das Schiff ein zehn mal zehn Meter großes Loch. Oben an Deck sind die mächtigen Unterbauten für zwei riesige Kräne zu erkennen. Beide stehen sinnbildlich für den ganz besonderen Einsatz des Schiffes, das derzeit bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) gefertigt wird und hier am 30. September vom Stapel läuft. So ein Schiff wie dieses gibt es bisher weltweit noch nicht, sagt FSG-Geschäftsführer Ulf Bertheau.

Maritime Kompetenz in ganz unterschiedlicher Ausprägung lernte Wirtschaftsminister Reinhard Meyer gestern in Flensburg kennen – erst am West-, dann am Ostufer des Hafens. Zunächst machte er sich ein Bild von den Arbeiten an einem der modernsten Schiffe, die die FSG je auf Kiel gelegt hat. Danach ließ er sich von Oliver Berking in einer Vintage-Barkasse ans andere Hafenufer schippern und schaute sich Berkings Yacht-Werft „Robbe & Berking Classics“ samt zahlreicher Schönheiten aus Mahagoni an.

Doch zunächst zu den Stahlschiffen. Zu Jahresbeginn lagen wochenlang drei Neubauten an der Ausrüstungspier der FSG, jetzt seit Wochen schon keiner. Hinter dem großen Rolltor entsteht derzeit das erste von zwei Spezialschiffen für den Offshore-Einsatz, die die norwegische Reederei Siem Industries bestellt hat. Es besteht, so Bertheau, aus elf Millionen Einzelteilen. Allein 500 Kilometer Kabel werden verlegt. Während der Bauarbeiten sind ständig 20 Angehörige des Auftraggebers und der US-Firma, die die Schiffe später chartern und einsetzen wird, auf der Werft, um die Arbeiten mit zu koordinieren und zu überwachen.

Doch warum hat das Schiff ein Loch im Rumpf? Es wird für die Behandlung von Bohrlöchern in der Tiefsee eingesetzt und muss dafür selbst bei starkem Seegang möglichst ruhig direkt über dem Bohrloch am Meeresgrund positioniert werden. Hierzu ist ein hochkomplexes, computergesteuertes Antriebssystem erforderlich, das das Schiff fast millimetergenau in jede Richtung bewegen kann. Sodann werden Gestänge, schweres Gerät oder schwimmende Roboter von den Kränen durch das Loch herunter gelassen, um dort die entsprechenden Arbeiten zu verrichten. Bisher würden solche Einsätze meist von Bohrinseln aus erledigt, doch von einem Schiff wie dem FSG-Neubau würden sich die Tagessätze hierfür halbieren. Klar, dass Bertheau und das gesamte FSG-Team auf Aufträge vergleichbarer Unternehmen hoffen.

„Wir angeln, und es gibt auch viele Fische, die wir sogar sehen können“, sagt der Geschäftsführer, „aber noch hat keiner angebissen.“ Will sagen: Die Auftragslage der FSG ist unverändert. Die beiden Offshore-Spezialisten sollen bis Frühjahr 2016 abgeliefert sein, danach folgt noch der Bau einer Roll-on-Roll-off-Fähre für die Reederei Searoad in Australien. Ablieferung: September 2016. Mit anderen Worten: noch ein Jahr Auslastung. Bertheau: „Die Zeiten sind nach wie vor schwierig.“

Doch zur Zeit fahre die Werft „Volllast in drei Schichten“; einschließlich der Subunternehmen seien derzeit 1100 Menschen hier aktiv, im Herbst würden es sogar 1800 sein. Wirtschaftsminister Meyer ist überzeugt davon, dass die neue Geschäftsführung, der er eine weitere Professionalisierung attestiert, „sich sehr forciert um neue Aufträge bemüht.“ Es sei wichtig, dass das Unternehmen mit den aktuellen Neubauten Gewinn mache; das Land begleitet die Projekte mit Bürgschaften bis zu 120 Millionen Euro. Aufgrund des niedrigen Ölpreises sei die Nachfrage aus dem Offshore-Bereich derzeit nicht besonders stark.

Diese Sorgen hat Oliver Berking derzeit nicht, und in seiner Werft vis-à-vis geht es auch nicht um 800 oder mehr Arbeitsplätze. Doch seine kleine, aber feine Yachtwerft steht ebenfalls für die maritime Wirtschaft des nördlichsten Bundeslandes und besetzt mit ihrem besonderen Know-how eine rare Nische. Hiervon überzeugte sich Reinhard Meyer nach dem ungewöhnlichen Transfer über den Hafen.

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erstellt am 23.Aug.2015 | 09:00 Uhr

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