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Glücksburg : Schaurige Nordsee in stürmischer Nacht

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Stefan Gwildis las im Glücksburger Strandhotel aus Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ – für den Künstler eine Herzensangelegenheit.

Mehr norddeutsch geht nicht. Wenn Stefan Gwildis mit seiner Stimme die Charaktere aus Theodor Storms Schimmelreiter auferstehen lässt, sieht man sie quasi vor sich; die sturen Männer im Wirtshaus, die den Plänen ihres neuen Deichgrafen skeptisch gegenüber stehen, den alten Paten von Elke, der nochmal alle Kräfte für eine mitreißende Rede mobilisiert, die jammernde Trien’ Jans, als sie ihre tote Katze entdeckt.

Gwildis, noch 58 und eigentlich Sänger, berühmt geworden mit Soul-Klassikern in deutscher Sprache, sitzt ganz in schwarz gekleidet mit dicker Lesebrille am Pult. Er will nicht ablenken. Er befindet sich auf Lesereise durch Norddeutschland für seine CD „Gwildis liest Storm, der Schimmelreiter“. Es ist ein Herzensprojekt von ihm hat er stets betont. Der Auftritt in Glücksburg – ebenfalls ein persönlicher Wunsch: „Wir haben hier mal während eines Auftritts in Flensburg gewohnt. Ich wollte da wieder hin“, sagt er nach der Lesung beim Signieren der CDs.

Der Schimmelreiter ist für ihn, den Ur-Hamburger und Sohn eines Reifenhändlers, ein sehr starkes Stück Literatur. „Das ist so groß, da kann man nicht mit Musik reingehen“, findet er. Darum verläuft seine Lesung konventionell. Vorher und nachher singt er zur Auflockerung zwei Lieder. Nach den einzelnen Text-Passagen verarbeiten Pianist Tobias Neumann und Cellist Hagen Kuhr das Gelesene musikalisch. Hauke Haien, der tragische Held im Schimmelreiter, wird mit einem Walzer charakterisiert. Es sind eindrucksvolle Eigenkompositionen, die man sicherlich gerne noch einmal hört. Während der Lesung bieten sie kleine Erholungsphasen.

Denn Gwildis liest sehr konzentriert. Szenen mit viel wörtlicher Rede hat er ausgesucht. Frauen- und Kinderstimmen kann er zwar auch, am besten aber imitiert er die dunklen, ruppigen Stimmen der norddeutschen Männer. Die Zuhörer im fast ausverkauften Veranstaltungssaal des Strandhotels erleben über 80 Minuten am Stück die Geschichte vom sagenhaften Deichgrafen Hauke Haien, der gegen alle Widerstände einen neuen und besseren Deich bauen will und am Ende doch scheitert. Er ist für Gwildis ein „Bruder im Geiste“, ein Besessener und Freidenker, der sich mit der Engstirnigkeit des Menschen nicht abfindet. Was er macht, macht er ganz. Sein Scheitern führt konsequent in den eigenen Tod.

Die letzte Szene ist die einzige, die mit Klängen der Instrumente, Windgeräuschen und stärkeren Lichteffekten untermalt wird. Die Sturmflut ist zum Greifen nah. Der Elisabethsaal verwandelt sich für einen Moment in die schaurige Nordsee bei stürmischer Nacht. „Elke“, schreit Gwildis ins Mikrofon, „Elke!“

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