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Hauptbahnhof Köln : Schaffnerin stößt Flensburger Rentner aus dem Zug

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein 73-jähriger Flensburger hat Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen eine Zugbegleiterin gestellt.

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2017 | 06:28 Uhr

Flensburg/Köln | Tagelang hat er im Sattel gesessen, 1000 Kilometer in Italien auf dem Fahrrad zurückgelegt – und alles heil überstanden. Kurz vor der Heimkehr per Bahn nach Flensburg passiert das Unfassbare: Wilfried Mast erlebt Momente der Todesangst. Eine Zugbegleiterin stößt ihn ins Gleisbett auf dem Kölner Hauptbahnhof, als der Eurocity nach Hamburg anfährt...

Der 73-Jährige ist Extremradler. 40.000 Kilometer ist er in den letzten sechs Jahren quer durch Deutschland und Europa gefahren. Nach seiner Italien-Tour will er am 1. Juni den Rest der Strecke von München nach Hamburg mit der Bahn zurücklegen. Er weiß, dass es von 19.15 bis 19.20 einen Zwischenstopp in Köln geben wird. Als „bekennender“ Raucher freut er sich auf eine schnelle Zigarette. Der Raucherbereich auf Bahnsteig 5 liegt gleich gegenüber dem Ausstieg seines Waggons.

Doch wenig später muss Wilfried Mast feststellen, dass der Genuss von Nikotin gesundheitliche Risiken ganz unbekannter Art nach sich ziehen kann. Um Haaresbreite nämlich wäre es sein letzter Zug gewesen – und das im doppelten Wortsinn.

Seine Schilderung der nächsten Minuten wird von der Bundespolizei bestätigt: Als er einsteigen will, steht die Zugbegleiterin in der offenen Tür. Sie breitet die Arme aus und versperrt ihm aus bislang ungeklärten Gründen den Weg. „Sie kommen hier nicht rein“, lässt sie ihn wissen. Wilfried Mast ist völlig perplex. Er weist sie freundlich darauf hin, dass er im Besitz einer gültigen Fahrkarte sei und sich sein Gepäck und 3000 Euro teures Fahrrad noch im Abteil befänden. „Dann hat sie mich plötzlich mit beiden Händen fest gegen die Brust gestoßen.“ Der Rentner ist völlig überrumpelt. Er hat früher aktiv Fußball gespielt und ist heftige Rempler gewohnt. Doch das Überraschungsmoment liegt auf der Seite der Schaffnerin. Der schmächtige Mann verliert das Gleichgewicht, fällt rückwärts aus der Tür, landet im Gleisbett. Er bleibt zwischen Bahnsteigkante und Zug hängen. Der Zwischenraum misst etwa 30 Zentimeter. Die Türen schließen sich, der EC nimmt Fahrt auf. „Da habe ich gedacht: Jetzt sterbe ich!“

Wenige Zentimeter liegen zwischen Bahnsteig und Waggon. In einem ähnlich schmalen Bereich steckte der Flensburger fest.
Wenige Zentimeter liegen zwischen Bahnsteig und Waggon. In einem ähnlich schmalen Bereich steckte der Flensburger fest. Foto: fotolia
 

In seiner Verzweiflung und Aufbietung aller Kräfte gelingt es dem gut trainierten Mann, sich zu drehen und mit dem Bauch auf den Bahnsteig zu rollen. „Der Zug schrammte spürbar an meinem Hintern vorbei.“ Erst dann gelingt es ihm, sich vollständig hochzuziehen. Tatsächlich sind es vergleichsweise leichte Blessuren, die ihm im Krankenhaus attestiert werden: Kapselriss am Finger, Schürfwunden an den Unterschenkeln. „99 Prozent hätten das nicht überlebt“, sagt ihm ein Rettungssanitäter. Wilfried Mast ist dem Tod von der Schippe gesprungen.

„Eine Videoauswertung zeigt den Vorfall deutlich“, sagte gestern Martina Dressler, Sprecherin der Bahnpolizei Köln auf Anfrage unserer Zeitung. Es seien zudem Augenzeugen ermittelt worden, die derzeit befragt würden. Auch die Schaffnerin ist identifiziert worden. Zum Motiv der 41-Jährigen könne man jedoch keine Auskunft geben, so die Sprecherin. Laut Wilfried Mast soll sie ausgesagt haben, es sei alles nicht beabsichtigt gewesen. Sie habe während der Vernehmung geweint.

Die Bundespolizei ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung und Gefährdung des Bahnverkehrs. Auch Wilfried Mast hat über seinen Rechtsbeistand Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gestellt. Von der Bahn habe er lediglich ein Aktenzeichen erhalten und den Hinweis, dass der Fall von der Haftpflichtversicherung bearbeitet werde. Eine Sprecherin wollte aufgrund der laufenden Ermittlungen keine Angaben zu dem Vorfall machen. „Aber wir bedauern natürlich, dass der Fahrgast in Mitleidenschaft gezogen wurde.“

Auch Wilfried Mast findet die Attacke „bedauerlich“. Fast drei Wochen nach dem Vorfall fühlt er sich immer noch traumatisiert. Nachbarn haben sich um ihn gekümmert, ihn betreut, für ihn gekocht. Dafür ist Wilfried Mast dankbar. „Ich muss mir das alles von der Seele reden.“ Gestern ist er zu seiner Schwester nach Celle aufgebrochen. 400 Kilometer auf dem Fahrrad. „In einen Zug steige ich nie mehr!“

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