Schäferhaus - ein Wintermärchen

Verschneite Ochsenweg-Hörner im Stiftungsland Schäferhaus. Foto: Kirschner
Verschneite Ochsenweg-Hörner im Stiftungsland Schäferhaus. Foto: Kirschner

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30. Dezember 2010, 07:09 Uhr

Handewitt | Eine milchige Nebelschwade bewegt sich langsam über die buschige, schneeverhüllte Landschaft. Nur die Spur eines Hasen durchzieht die gut 20 Zentimeter hohe Schneedecke auf dem menschenleeren Wanderweg. Es gibt in diesen Tagen kaum einen Flecken in der Region, der so weit vom Verkehrschaos und dem Einkaufstrubel vor dem Jahreswechsel entfernt ist wie das Naturschutzgebiet "Stiftungsland Schäferhaus" bei Gottrupel.

Überhaupt ist der mit 259 Einwohnern kleinste Ortsteil der großen Gemeinde Handewitt derzeit ein Wintermärchen. Abgelegen und ruhig schlummert er seinen Dornröschenschlaf. Es ist verwunderlich, dass Kinder ihre Weihnachtspost nach Himmelpforten, Nikolausdorf oder Engelskirchen schickten und nicht in das Dorf an der deutsch-dänischen Grenze. Ob es daran liegt, dass der Ortsname höchstwahrscheinlich keinen christlichen Ursprung hat? Die Silben Gothi (ein Personenname), torp und elle - 1472 war der Ort als Gottorpelle erstmals urkundlich erwähnt - lassen sich als "Gothis Dorf im Erlengehölz" übersetzen.

So oder so: Auch im winterlichen Idyll registrierten die Bewohner in den letzten Dekaden einen Strukturwandel. In Gottrupel-Dorf, der Wiege der Gemarkung, um die sich einst mehrere Bauernhöfe gruppierten, existiert heute kein landwirtschaftlicher Vollbetrieb mehr. Auch das rote Gebäude gleich hinter der Autobahnbrücke hat seine alte Funktion verloren. Bis 1967 war es die Schule von Gottrupel, danach besuchten die Kinder und Jugendlichen die Dörfergemeinschaftsschule in Handewitt.

Im Laufe der Geschichte haben sich zwei weitere Siedlungskerne entwickelt. Zum einen die Häuserzeile "Chaussee" an der alten Bundesstraße von Flensburg nach Niebüll, zum anderen Gottrupelfeld, das in den 60er Jahren bebaut wurde. Eher zufällig. Ursprünglich standen nur ein paar Häuser an beiden Enden des lang gezogenen Siedlungsareals. Dazwischen sollte eigentlich die Autobahn entlang führen. Als die Trasse überraschend gen Westen verlegt wurde, entschieden sich die Kommunalpolitiker, die Lücke mit einem Neubaugebiet zu schließen. Ein Quadratmeter Grund kostete anfangs nur 50 Pfennig - es gab weder Strom noch eine zentrale Trinkwasserversorgung. Und der heutige Ihlseeweg war ein unbefestigter Pfad.

Ein ruhiger Ort war Gottrupel keineswegs immer. 1938 hatte der Kiesabbau begonnen, der das Landschaftsbild an vielen Stellen des Ortsteils bis in dieses Jahrhundert hinein veränderte. Und wenn an einer Stelle der letzte Kieslaster abgefahren war, entstanden Deponien für Hausmüll, Bauschutt und Dinge, die da eigentlich nicht hingehört hätten. Heute prägen die "Natur-Juwelen" das Ortsbild, wie zum Beispiel das von der letzten Eiszeit ausgeformte Meynautal, das vom Wiesenweg so harmonisch begleitet wird, dass sich Touristen im Allgäu wähnen. Und natürlich das "Stiftungsland Schäferhaus". 1963 hatten die Gottrupeler Bauern aus dem Flur 3 der Gemarkung 100 Hektar an das Bundesvermögensamt veräußert. Auch Harrislee und Flensburg traten Flächen ab, dann fuhren die Panzer auf dem neu geschaffenen Truppenübungsplatz. In den 90er Jahren rückte die Bundeswehr ab, die "Stiftung Naturschutz" erwarb die Fläche. Heute weiden dort Galloway-Rinder und Konik-Pferde. Ökologische Landwirtschaft und Naherholung existieren einträchtig nebeneinander. Und jetzt breitet sich auf der großen Fläche ein Wintermärchen aus.

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