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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 23:07 Uhr

Satirisch-Lästerliches zum Fest

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hans Scheibner zeigt in seinem Programm „Wer nimmt Oma“ die Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2013 | 00:34 Uhr

Wenn ein oberflächlicher Zeitgeist langjährig-hartnäckigen Bestand an den Tag legt, verdient er kritische Begleitung – beides nimmt irgendwann Traditionscharakter an. So verhält es sich mit dem exzessiven Weihnachtsrummel unserer fortgeschrittenen Konsumgesellschaft und der wunderbaren Satire „Wer nimmt Oma?“ Ihre Story: Omas Kinder sträuben sich, sie „schon wieder“ zum Weihnachtsfest einzuladen. Ihre schlaue Exkursion nach Mallorca verblüfft die Gören, der Kabarettist, Liedermacher und Satiriker Hans Scheibner nutzt sie seit geraumer Zeit dazu, das ursprüngliche Fest der Liebe und des Friedens kräftig durch den Kakao zu ziehen – vor allem die jeden Sinn sprengende jährliche Konsumorgie. „Schrecklich gemütliche, deutsche Weihnachten“ offenbaren zudem die vielen Untiefen familiären Zusammenseins gerade dann, wenn alle – vom scheinbaren Geschenkezwang erschöpft – emotional besonders angreifbar sind und sich ungeschminkte Wahrheiten Bahn brechen.

Scheibners Wortwitz und seine haarsträubend-krausen Geschichten strapazierten im ausverkauften Theatersaal der Waldorfschule die Lachmuskeln der Zuschauer. Das Familienensemble mit Ehefrau Petra Milchert und Tochter Raffaela präsentierte ein aktuelles Programm mit viel Tiefgang, immer in weihnachtlichem Kontext. Zuckersüße Melodien, die das begeisterte Publikum teils mitklatschte, transportierten meisterhaft verkleidete Kritik: Danach kann der NSA-Skandal gar nicht schocken, weil der liebe Gott doch schon immer alles sieht, hört und weiß. Angela Merkel, die „Mutti der Nation“, stellt Scheibner klar, drückt sich vor klaren Statements; wenn denn eins kommt (zur Pkw-Maut), ist es sprachlich äußerst flexibel… Boris Becker macht sich zum Affen, der neue Berliner Flughafen wird in Tausendundeiner Nacht eröffnet, „oh weh, oh weh, da war mal eine FDP“, und ein Wunschzettel sieht Frau Slomka und Herrn Gabriel gemeinsam im Bett, wer weiß…

Mit gekonnten Sketchen über ein (teures?) Louis Vuitton-Präsent und „Koffer schonende Kofferschoner“ demonstrierten die Scheibners eindrucksvoll, welch Power kreative Wortgestaltung eröffnet – das war intelligenter Humor pur, Lachen bis zur Atemlosigkeit inklusive!

Bemerkenswert auch Tochter Raffaela mit ihrem Song über die „Königin der Nacht“ sowie der Erzählung über ihre Oma, die von SMS und Heidi Klum nichts weiß und sich etwas vom „Nichts-zu-essen-haben“ und einem Telefon mit Scheibe „zusammentüddelt“.

Erste „Oma“-Gedanken datieren zurück ins Jahr 1986. Seitdem hat Scheibner das Programm immer wieder frisch aufgelegt. Wer dem mittlerweile 77-Jährigen Rentnerattitüden meint anzumerken, täuscht sich: Wortwitz und Ideenvielfalt sind ungebrochen. Einen Fauxpas beim Verlesen abgelehnter Wunschzettel hat er elegant pariert und gleich humorvoll ausgebaut. In dem Mix aus Liedern, Sketchen und Lesungen brillierte er mit der genialen Fortsetzungsgeschichte vom Nikolaus auf der Suche nach dem Heiligen Wladimir auf Erden, die so gut geschrieben ist, dass man von ihr nicht genug bekommen kann.

Christa Bundesen aus Freienwill hat sich die Eintrittskarte zu Weihnachten geschenkt. Das Programm fand sie ganz gut, hingerissen war sie nicht, weil sie vieles schon kannte. „Superlustig“ unterhalten fühlte sich Ute Bruckenmaier aus Glücksburg, die die Umsetzung ernster Hintergründe in witzige Geschichten sehr schätzt.

Weihnachten kann kommen, ganz gleich, wer Oma nimmt – das schallende Lachen von rund 500 Besuchern zeigt Wirkung bis zum Fest!



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