Brennpunkt St. Nikolai Flensburg : Sanfte Vergrämung am Südermarkt

Eine bunte Blumenpracht ziert seit dem Wochenende den Treppenaufgang zum Nikolaikirchhof.

Eine bunte Blumenpracht ziert seit dem Wochenende den Treppenaufgang zum Nikolaikirchhof.

Sollen Blumenanpflanzungen die Aufenthaltsqualität erhöhen oder eine ungeliebte Klientel vertreiben?

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05. Juni 2018, 05:36 Uhr

Flensburg | Lasst Blumen sprechen! Aber was genau wollen sie uns eigentlich sagen? Die bunte Pracht verziert seit einigen Tagen den bislang schmucklosen Aufgang zum Nikolaikirchhof am Südermarkt in Flensburg. Das trostlose Ambiente wird durch die Hochbeete ohne Zweifel aufgewertet – andererseits reduziert die Stadt damit (bewusst) die Fläche, die von einer bestimmten Gruppe in Anspruch genommen wird, um zwei Drittel.

Die Szene, die sich auf der Treppe gern geistigen Getränken widmet, ist Anwohnern und Geschäftsleuten seit Jahren ein Dorn im Auge. Immer wieder ist die Rede von Belästigungen, Pöbeleien, Dreck und Drogen. Dem will die Stadt entgegenwirken. „Wir sind aktuell dabei, zwei Stellen zu besetzen, um die Sozialarbeit für den Bereich zu gewährleisten“, sagte am Montag Oberbürgermeisterin Simone Lange auf Anfrage. Mit der Gruppe sei bereits gemeinsam entwickelt worden, mehr Sitzgelegenheiten auf der Plattform einzurichten.

Dort hockte am Montag in Ermangelung von Treppenplätzen ein gutes Dutzend beieinander. Ein 56-Jähriger, der im Gefängnis gesessen hat, kritisiert, dass sich noch kein Sozialarbeiter in dem Bereich je habe blicken lassen. Drei bis vier Wochen müsse man zudem warten, bis man einen Termin im Suchthilfezentrum erhalte. „Die Gesellschaft drängt Menschen in Not – und lässt sie anschließend fallen“, sagt er.

Die Gruppe ist nicht so naiv zu denken, die Blumen seien gepflanzt worden, um die Aufenthaltsqualität für sie zu steigern. „Sieht ja nett aus“, erklärt eine Frau mit Bier und Blick auf die Blumen. „Aber letztlich sollen wir hier nur vertrieben werden.“ Ein anderer ergänzt: „Wo sollen wir denn hin? Wir stören hier niemanden – und räumen unseren Platz immer auf, wenn wir gehen.“ Und: „Das TBZ soll lieber in die Puschen kommen und die Blumen gießen, bevor sie ganz vertrocknen.“

Die städtische Umsiedlungspolitik in der Problemzone bezeichnet der Mitarbeiter eines Cafés als „logistisch klug“. Der Durchgang müsse frei bleiben, ansonsten würden sich die Männer und Frauen überwiegend friedlich verhalten.

Simone Lange hat sich persönlich ein Bild von der Situation vor Ort gemacht und mit den Menschen gesprochen. Auf der Plattform, sagt sie, fehle es an Sonnenschirmen, „denn gerade jetzt kann man es dort kaum aushalten“. Deshalb würden die Menschen lieber im Schatten auf der Treppe sitzen.

„Was wir brauchen“, sagt sie, „sind nicht nur Blumen, sondern auch Personal in Form von Kümmerern, die sich dann nicht nur den Menschen widmen, sondern sich auch um die Bewirtschaftung der Tische und Schirme kümmern. Beides wollen wir gern auf den Weg bringen.“

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