Kampf gegen Schleuser-Banden : „Routine wird dieser Job nie“

Endstation Flensburg: Bundespolizisten haben eine syrische Familie gestoppt und bringen sie zur Identitätsfeststellung in die Behörde.
Endstation Flensburg: Bundespolizisten haben eine syrische Familie gestoppt und bringen sie zur Identitätsfeststellung in die Behörde.

Immer mehr Kriegsflüchtlinge, immer größere Gruppen: Die Bundespolizei stemmt sich am Brennpunkt Flensburg gegen die Schleuser-Banden.

shz.de von
25. Juli 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Es sind jedes Mal Schicksale. Und jedes einzelne herzzerreißend. Die Beamten der Bundespolizeiinspektion Flensburg sind seit Monaten auf dem Strom des Elends unterwegs. Verkehrsadern, auf denen sich Abertausende aus den verwüsteten Kriegszonen des mittleren Ostens in Sicherheit zu bringen versuchen. Das gelobte Land ist immer noch Schweden – und Flensburg als Verkehrsknotenpunkt unweit der A 7 ist ein Brennpunkt des Geschehens.

Im Moment spielt sich das Meiste auf der Bahn ab. Behördensprecher Hanspeter Schwartz vermutet einen Strategiewechsel der Schleuserbanden dahinter. „Auf der A 7 sind wir gemeinsam mit den Kollegen von Zoll und Landespolizei im Streifendienst unterwegs. Angesichts der Kontrollen ist ihnen das im Moment wohl zu riskant. Das ist auf der Schiene anders. Da fahren keine Streifen mit.“ Auf der Schiene registrierten Zugbegleiter in diesem Monat immer häufiger arabisch sprechende Gruppen mit wenig Gepäck und informierten die Bundespolizei. Am Bahnhof Flensburg, wo Skandinavien-Reisende wegen Schienenbauarbeiten auf der dänischen Seite in Busse umsteigen müssen, warteten schon die Polizisten.

Dazu sind sie im grenzenlosen Schengenraum verpflichtet. „Das versteht nicht jeder“, sagt Schwartz. „Unseren Leuten schlägt oft Unverständnis entgegen – aber wir haben es mit Gesetzesverstößen zu tun, die wir nicht einfach ignorieren können.“ Und es sei ja nicht so, dass die Bundespolizei Jagd auf Flüchtlinge macht. „Keiner von uns hat hier etwas gegen diese armen Menschen. Wir wollen die Schleuserringe dahinter.“

In der Valentinerallee, Dienstsitz der Inspektion, bleiben die Erkenntnisse über die Hintermänner gleichwohl eher bescheiden. Die Flüchtlinge, die an einschlägigen Treffpunkten in Italien 1700 Euro und mehr für eine Garantieschleusung nach Schweden bezahlen, haben naturgemäß kein Interesse daran, dass ihr Transportunternehmer auffliegt. Da macht sich auch Schwartz nichts vor. „Wir sind sicher, dass im Nahbereich jeder Gruppe ein Schleuser Fühlung hält, um die Flüchtenden bei der nächsten Gelegenheit weiterzubringen.“

Für die Polizisten ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Identitätsfeststellung und Versorgung der 10 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Eritrea gestern dauerten fast sieben Stunden. „Das ist Zeit, in der wir nicht auf Streife sind. Niemand weiß, was in der Zeit alles durchrauscht“, sagt Schwartz. „Die Dunkelziffer ist unbekannt.“

Mehr als 100 Flüchtlinge hatten die Flensburger Beamten in den ersten drei Juli-Wochen in ihrer Dienststelle. Routine, so Schwartz, wird das nie. „Die Nöte besonders der Kinder lassen niemanden kalt. „Sie reisen in überfüllten Autos ungesichert auf dem Schoß ihrer Eltern, manchmal sogar im Kofferraum – „da kann man schon die Wut kriegen“. Die Kollegen versuchen, so etwas wie Normalität in eine Ausnahmesituation zu bringen. „Nahrung, Trinken, Windeln - wir halten alles vor“, sagt der Polizeisprecher. Als die Zahl der Flüchtenden kräftig anzog, sammelten die Kollegen Spielzeug. „Für Migranten ist das hier immer eine stressige Situation. Aber wenn die Kinder lachen, ist alles einfach.“ Und wenn ein Mann aus Syrien, mitten in einer Flucht, am Ende einer langen Prozedur mit einem für ihn noch immer völlig ungewissen Ausgang einem der Blau-Uniformierten auf die Schulter klopft und sagt „good Cop“, guter Bulle, dann macht das den Dienst manchmal auch etwas leichter.

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