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Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 14:15 Uhr

Rosige Rückschau ins 19. Jahrhundert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die vergessene Flensburger Stadtrose, eine Rarität von 1860, ist wieder aufgetaucht

Ein Flensburger Sammler sprach die frühere Leiterin des Flensburger Schifffahrtsmuseums, Jutta Glüsing, wegen eines seltenen Fundstücks aus seiner Sammlung an. Von der Stadtrose hatte sie zwar gehört, allerdings noch nie eine in Händen gehalten. In einer kleinen Serie für das Tageblatt stellt Jutta Glüsing die Flensburger Stadtrose und ihre Bestandteile vor.

Vor einiger Zeit tauchte eine Graphik mit etlichen Darstellungen von Flensburger Gebäuden, Straßen und Plätzen in Privatbesitz auf. Diese Ansammlung von kleinen Ansichten Flensburgs in der ungewöhnlichen Form einer Stadt-Rose stellt etwas Besonderes dar, auch für die Zeit ihrer Entstehung, die um 1860 anzusetzen ist.

Längst sind derartige Städtebouquets aus dem Alltag verschwunden, kaum jemand kann noch etwas mit dem Begriff „Stadt-Rose“ anfangen. Und doch war dieses Produkt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts für mehr als zwei Jahrzehnte ein beliebtes Mittel, Städte zu bewerben, bevor dieses Geschäft die Fotografie übernahm. Längst war der Städtetourismus entdeckt. Denkt man dabei an die „Grandtour“ des englischen Adels, der ab dem 18. Jahrhundert über die Alpen nach Italien zog, so weiß man von der Flut der Ansichten, die den gesamten Kontinent überschwemmte. Dabei wuchs auch bei den Bürgern zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Interesse an der eigenen Stadt, ihrer Lage, ihren repräsentativen Gebäuden, auch im Norden Europas.

Neue preiswerte Drucktechniken – wie die Lithographie – beflügelten das graphische Gewerbe, beliebte Ansichten und Motive in großen Auflagen zu liefern, die eine bestimmte Käuferschicht und Sammler zu bedienen wussten. Auch in Flensburg entstanden Lithographieanstalten. Das Adressbuch von 1847 führte sechs Betriebe auf. Darunter das Unternehmen von J. F. Fritz, das dieser 1827 gegründet hatte. Fritz zeichnete eigenhändig die Vorlagen für den Druck, beschäftigte aber auch andere Künstler wie den Maler und Aquarellisten F. W. Otte, der sich 1832 als Steindrucker selbstständig machte. Sein Partner wurde Joh. H. Möller aus Husum. Doch bald gingen beide getrennte Wege. Möller etablierte seinen Betrieb nun auf dem Holm, etwa dort, wo seit 1904/05 die Nikolaistraße beginnt.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kam nun ein neues Produkt als Reise-Andenken auf den Markt, die „Stadt-Rose“. Der Clou dieses zirka 25 mal 25 Zentimeter großen, doppelseitig bedruckten Blattes war, es konnte zu einem Dreieck gefaltet werden, so dass die voll erblühte Rose auf beiden Seiten sichtbar blieb. Unter Umschlag mit entsprechender Angabe des Motivs war sie sogar für den Postverkehr geeignet. Der Ursprung der Stadt-Rose ist wohl in England zu suchen. Möglicherweise entstand sie 1851 im Umfeld der 1. Weltausstellung in London. Sie fand eine schnelle Verbreitung auf dem Kontinent und über den Globus. So wurden Hauptstädte und Metropolen wie Paris, New York, Sidney oder Jerusalem vermarktet.

In Deutschland war es Hamburg, wo einer der wichtigsten Hersteller, C. Adler, in seinem Verlagsprospekt über 150 Stadt-Rosen anbot. Sie eroberten auch die Provinz mit ihren schmucken Motiven. Umgerechnet kosteten sie 1880 bis zu 12 Silbergroschen – von ungefähr 50 Cent bis zu einem Euro nach heutiger Währung.

J. H. Möller in Flensburg hatte gute Geschäftsverbindungen nach Hamburg, kaufte dort „ausländische“ Erzeugnisse ein, um sie in Flensburg, das damals noch zum dänischen Gesamtstaat gehörte, zu verkaufen. Er übernahm diese neue Idee und wohl auch den gestanzten Papierbogen als Formblatt für seine Flensburger Version.

Öffnet man die Flensburger Stadt-Rose und betrachtet ihre beiden bedruckten Seiten, so wird man von der kreisförmigen Ansammlung vieler kleiner Ansichten überrascht. Wie in einem Rosenbouquet sind Gebäude, Plätze und Straßenzüge Seite an Seite, über- und untereinander angeordnet. Schnell erkennt man anhand der gestanzten Löcher die acht Segmente zur vorgegebenen Faltung für die geschlossene Rose. Alle 28 Ansichten, ob als Oval oder Kreis, heben sich durch ein zartes ornamentales Rankenwerk voneinander ab. Ein Schriftband benennt den jeweiligen Standort. So lassen sich die einzelnen Motive schnell zuordnen.

J. H. Möller griff bei seinem Entwurf für eine Flensburger Stadt-Rose auch auf bereits lithographierte Ansichten zurück. Bei den Motiven des Südermarktes, der Schiffbrücke oder des Nordermarktes bediente er sich offensichtlich bei älteren Arbeiten von Fritz und Otte. Hier kupferte er einfach ab. Neuland betrat Möller dort, wo er mit seinen Abbildungen auf Bauten und Einrichtungen verweist, die unter der Regierung des dänischen Königs Friedrich VII. (reg. 1848-63) das Stadtbild sowie das urbane Leben verändert haben.

Nach der gescheiterten schleswig-holsteinischen Erhebung von 1848 bis 1850 ernannte der dänische König Flensburg zur Hauptstadt des Herzogtums Schleswig. Damit verbunden waren weitreichende Veränderungen wie der Umzug des Regierungssitzes von Schleswig an die Förde. Davon zeugen die Abbildungen auf dem Deckblatt. Dort befinden sich Ansichten vom Ständehaus, aber auch das zur „Generalkommandantour“ umfirmierte Hotel „Kaysers Hof“ an der Schiffbrücke. Flensburg war dänische Garnison geworden.

Neue Bauaufgaben erforderten neue Baumeister. Sie kamen aus Kopenhagen. Auch die Glücksburger Schlossanlage wurde saniert und zur Sommerresidenz für den dänischen König und seine dritte Gemahlin, Gräfin Danner, erhoben. Friedrich VII. nahm regen Anteil an der Bautätigkeit in Flensburg, wohin ihn ein kleines Dampfboot hinübersetzte. Fortsetzung folgt ...

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