ÖPNV : Rollis müssen draußen bleiben

Keine Chance, in den Bus zu kommen: Derzeit werden die Rampen an den Ausgängen der Busse nicht abgesenkt; Werner Petersen hat das Nachsehen.
Keine Chance, in den Bus zu kommen: Derzeit werden die Rampen an den Ausgängen der Busse nicht abgesenkt; Werner Petersen hat das Nachsehen.

Afag und Aktiv-Bus haben technische Probleme mit den Rampen an ihren Bussen / Rollstuhlfahrer Gerhard Schmitz beklagt Ausgrenzung

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10. März 2014, 07:58 Uhr

Die Busfahrt kommt nicht zu Stande. Die Linie fünf rollt vor am Zob, die Tür in der Mitte des Busses öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine zugeklebte Rampe, die normalerweise als Einstiegshilfe für Rollstuhlfahrer dient. Doch Werner Petersen in seinem Elektro-Rollstuhl muss draußen bleiben. Der Busfahrer verlässt kurz seinen Fahrersitz, erklärt, dass er ihn nicht mitnehmen kann und bedauert: „Tut mir leid.“

Nach einem „Vorkommnis“ vor einer Woche (3. März) hat das Unternehmen Aktiv-Bus sämtliche Rampen außer Betrieb genommen. „Bei Sicherheit gibt es keine Kompromisse“, begründet Geschäftsführer Paul Hemkentokrax die Maßnahme, die 20 Busse betreffe. Der Behindertenauftragte der Stadt, Christian Eckert, unterstütze dieses Vorgehen, sagt Hemkentokrax.

An jenem Montag hatte seine Frau Marianne ihn in den Bus am Zob gesetzt, erinnert sich Werner Petersen. Er wollte „rausfahren in die Natur – zum Denken“, sagt der Journalist und Publizist, der auch im Ruhestand das Schreiben nicht lässt und an zwei Büchern arbeitet. Die betreffende Rampe des Busses beschreibt Petersen als „angerostet und gammelig“. Sie hielt nicht stand, und „300 Kilogramm krachten nach unten“, berichtet er. Eingedenk des Busfahrers, der unter Zeitdruck gestanden, Petersens Adresse notiert und auf ihn geschimpft habe, betont der 69-Jährige: „Ich stehe über diesen Dingen.“ Werner Petersen ist seit zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich habe durch irgendwelche Umstände meine Lunge in den Sand gesetzt“, formuliert er drastisch und stellt fest: „Ich hätte nie gedacht, wie schwierig das ist.“

Die Petersens wohnen in Großenwiehe, wollen nicht auf Flensburg schimpfen, loben indes den Service der Taxi- und Bus-Unternehmen auf dem Lande. „Die haben schon mal einen Einsatzbus geschickt, damit wir von A nach B kommen“, erinnert sich Marianne Petersen an ein Ereignis. Sie will „eine Bresche schlagen für die, die sich nicht trauen“, unterwegs zu sein. Die 56-Jährige nennt etliche Beispiele aus dem Alltag, die einem Menschen im Rollstuhl das Leben unnötig erschweren. Sie übernimmt einen Gedanken der Paralympics-Teilnehmerin Anna Schaffelhuber, die sie beeindruckt hat: „Der Fehler wird da begangen, wo ich die Behinderung erlebe. Bordstein, zu kleine Türen – das sind die Behinderungen.“ Und um am Wochenende oder abends mobil im Rolli zu sein, bedürfe es eines besonderen Einfallsreichtums.

Als die Petersens eine Woche nach dem Rampen-Vorfall mit dem Bus vom Zob zum Bahnhof fahren wollen, blieb ihnen alternativ nur das Taxi. Allerdings brauchen sie eines mit Rampe und Fassungsvermögen. Ihres Wissens gibt es nur ein Unternehmen in Flensburg, das diesen Service bietet. Eine solche gegenüber einer „normalen“ Taxifahrt koste ihn zwischen 3 und 5 Euro zusätzlich, weiß der 69-Jährige. „Wenn Du fünf Koffer hast, zahlst Du keinen Zuschlag.“
Gerhard Schmitz, der frühere Behindertenbeauftragte der Stadt, kam dieser Tage wegen der gesperrten Rampen ebenfalls nicht mit dem Bus zu seinem Ziel. Er fragt in einem Leserbrief: „Was sollen wir Rolli-Fahrer machen?“ Schmitz kritisiert: „Schon wieder wird man so richtig schön ausgegrenzt. Wir fordern Alternativen! Teilhabe am Leben ist ein Menschenrecht!“

Thomas Bauer von der Afag, die 18 ihrer 19 Busse mit Einstiegshilfen ausgestattet hat, erklärt auf Anfrage, dass die Gesellschaft ihrerseits „vorsorglich drei Rampen außer Betrieb genommen“ habe zur Prüfung. Eventuell „notwendige außerplanmäßige Werkstattaufenthalte“ könne sie „durch den Einsatz von Ersatzfahrzeugen ausgleichen“. Paul Hemkentokrax erklärt, er sei sich mit dem Hersteller schon einig geworden, wie die Rampen bei Aktiv-Bus repariert werden. Der Geschäftsführer rechnet damit, dass spätestens bis Mitte April auch die letzte der 20 Rampen wieder intakt ist.

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