Flensburger Hafen : Riskanter Poker um die Europawiese

Eine norddeutsche Unternehmensgruppe will die Europawiese wirtschaftlich beleben, aber die Stadt pokert und das Geschäft droht zu platzen.
Eine norddeutsche Unternehmensgruppe will die Europawiese wirtschaftlich beleben, aber die Stadt pokert und das Geschäft droht zu platzen.

Norddeutsche Unternehmergruppe will Zusatzumschlag im Stadthafen generieren – aber die Verwaltung bremst

shz.de von
08. Juni 2018, 06:14 Uhr

Pokert er? Oder vermasselt Bürgermeister Henning Brüggemann der Hafenwirtschaft gerade mit fragwürdigen Motiven ein schönes Geschäft? Seit Jahresbeginn ist der Bürgermeister als Chef der Kommunalen Immobilien auch für den Flensburger Hafen zuständig. Für jenen Flensburger Hafen, dem CDU, SPD und FDP und Grüne per Ratsbeschluss am 7. Dezember letzten Jahres eine fünfjährige Galgenfrist gesetzt haben. Läuft er bis dahin nicht, droht er bei der anstehenden Umgestaltung des Quartiers am Ostufer abgewickelt und in ein schickes neues teures Wohnviertel umgewandelt zu werden.

Und nun das: Eine norddeutsche Investorengruppe möchte auf der Europa-Wiese am liebsten zehn Jahre lang Rundkorn-Steine für die regionale Betonproduktion lagern und umschlagen. Sie will dafür ein großes Spezialschiff chartern, das vor Norwegen die Steine schürft und nach Flensburg bringt. Die Maklerei Jürgensen, Brink & Wölffel rechnet anfangs mit jährlich 50 000 Tonnen, später mit 100 000 Tonnen, die in Flensburg umgeschlagen werden sollen. Das macht für den Hafen (Kraneinnahmen, Kaigeld, Hafengeld, Flächenmiete) Zusatzeinnahmen von mindestens 120 000 Euro bzw. maximal 220 000 Euro pro Jahr. Eine vitalisierende Geldspritze für eine Infrastruktur, die seit Ende 2017 um ihre Existenz kämpft.

Ob das Geschäft aber zustande kommt, ist im Moment ziemlich fraglich. Henning Brüggemann scheint das Maximum für die Stadt herausholen zu wollen, die Hafenwirtschaft mahnt eindringlich, es dabei nicht zu übertreiben. Für Hans-Heinrich Callesen, Geschäftsführer bei Jensen, Brink & Wölffel, ist es viel wichtiger, dass die überwiegend brach liegende Fläche überhaupt mal genutzt wird. Selbst Brüggemann muss einräumen, dass die 2012/13 für über 800 000 Euro eingerichtete Wiese ihre Kosten seither noch nicht einmal ansatzweise eingespielt hat. „Die Einnahmen dort sind nur marginal.“

Die IG Ostufer, die sich in der gerade laufenden Diskussion um die künftige Gestaltung des maritimen Gewerbegebiets als Anwältin des Gewerbehafens positioniert, hat jetzt bei den Ratsfraktionen ein Papier in Umlauf gebracht, in dem sie eine Erklärung für die stotternden Verhandlungen anbietet. Nämlich, dass es der Stadt ganz gelegen käme, wenn die Verhandlungen scheitern und der Hafen kein Wachstum mehr schafft. Brüggemann fühle sich mehr dem planerischen Ziel verbunden, den Wirtschaftshafen zu Gunsten eines Wohnquartiers am Ostufer abzuwickeln. „Wir erleben hier die von der Stadtverwaltung aktiv betriebene Bewährungsverhinderung des Wirtschaftshafens“, sagt Forumssprecher Gerd Strufe.

Dass die Stadt ernsthaft an einer längerfristigen Vermarktung der Europawiese interessiert ist, glaubt er nicht. Er verweist auf Zahlen, die in den Gesprächen genannt worden sein sollen. Für Lagerfläche am Hafen bezahle man in Rendsburg 0,55 Euro pro Quadratmeter, in Wilhelmshaven mit hochmodernen Umschlagsmöglichkeiten 0,80 Euro. In diesen beiden Häfen gebe es eine direkte Kaianbindung, in Flensburg hingegen müsste die Ladung noch erst umständlich auf Lastwagen umgeladen und vom Kai auf die hundert Meter entfernte Lagerfläche gefahren werden. Für diesen Service ruft die Stadt einen Quadratmeterpreis von stolzen 1,20 Euro auf. Für Strufe und seinen Mitsprecher Jens Boysen der Versuch, ein Geschäft gar nicht erst zustande kommen zu lassen, um dem Wirtschaftshafen jede Bewährungschance zu verbauen. Auch Callesen, der als Schiffsmakler einen kurzen Draht zu den deutschen Seehäfen hat, hält Brüggemanns Preisvorstellung für maßlos überzogen. Die vom Interessenten angebotenen 60 Cent seien ein guter Preis. Brüggemann will diese Zahlen nicht kommentieren. Er sei irritiert, dass die Pachtverhandlungen öffentlich ausgetragen werden. Es könne überhaupt nicht die Rede davon sein, dass er den Wirtschaftshafen ausbremsen wolle. Im Gegenteil: „Ich will ja verpachten!“, sagt er. „Wir sind nur beim Preis noch auseinander.“

Grund zur Eile verspürt der Bürgermeister aber nicht. Seit dem letzten – erfolglosen – Gespräch sind immerhin schon sechs Wochen verstrichen, initiativ will Brüggemann aber nicht werden. „Ich warte auf ein Signal. Bis jetzt ist keins gekommen.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen