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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 14:52 Uhr

Rios Erben: Reibeisen ohne Weichspüler

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weder weichgespült noch glattgebügelt: AnnenMayKantereit widerlegt Kritiker im Max mit exzellentem Live-Gig.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2016 | 17:26 Uhr

Sie sind sehr jung – und sie sind ganz überwiegend weiblich. Stehen dicht an dicht auf zwei Ebenen und warten auf die Jungs. Die sind nicht viel älter: Christopher Annen (25), Severin Kantereit (23), Malte Huck (22) entern die Bühne. In Jeans, T-Shirts, Turnschuhen. Und dann ist da Henning May, 24 Jahre jung, schlaksig, etwas ungelenk vor dem Mikrofon. Und dann entfährt diesem Körper eine Stimme, die rau ist wie ein Reibeisen, voller Kraft und Intensität, Rio Reiser gleich. Eine Stimme, die gefangen nimmt und so gar nicht passen will zu seiner Erscheinung - rau, rauchig, gereift und wie Whiskey-getränkt. „Jeden Morgen war ich warm und wurde kalt“, singt er. „Und die Geräuschgewalt hat mir ins Ohr gebissen. Und ich frage mich: Wann werde ich alt?“

Das Publikum im Max ist umgehend in seinen Bann geschlagen. Henning May macht jeden Song zu einem Ereignis, er ist auf unschuldige Art charismatisch und unbestritten der Protagonist des Abends. 750 Augenpaare hängen an seinen Lippen. Seine Fans singen mit, jubeln, johlen, kennen jede Textzeile in und auswendig. AnnenMayKantereit sind die Shooting Stars der deutschen Musikszene, jedes Konzert ihrer Tour ausverkauft. Ihr Album „Alles Nix Konkretes“ geht massenhaft über den Tresen. Der Titel mag Rätsel aufgeben. „Wir wollten einfach keinen Song einzeln herausstellen und die CD danach benennen“, erklärt der Sänger.

Es geht um Liebe in allen Facetten. Um Bleiben oder Gehen, Ankommen und Verlassen werden. Um emotionale Achterbahnfahrten. Ein Höhepunkt das bluesig angehauchte „Bitte bleib“. Christopher Annen glänzt mit satten Gitarren-Riffs. Wohl gesetzte Breaks, eindringliche Intonation: „Und dann sagst du zu mir: Sag doch auch mal was. Und dann denk ich mir: Gut, bevor du gehst sag ich was. Bitte bleib, bitte bleib, bitte bleib ... bitte bleib nicht, wie du bist. Und wunder dich nicht, wenn alles scheiße ist und du mich vermisst.“

Die von Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks, Olli Schulz) produzierte und beim renommierten Label Universal erschienene CD der ehemaligen Straßenmusiker ist arg verrissen worden: Zu weichgespült und glattgebügelt. Doch bei dem Konzert ist davon nichts zu spüren. AMK hat die Musik der Siebziger aufgesogen und etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Fast ausschließlich auf Deutsch. Und Rio Reiser lässt schon wieder grüßen. „Ich schreibe nur sehr schlecht englische Texte“, erklärt Henning May. Also lieber das: „Ich würd’ gern mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und 'n kleiner Balkon. Ich würd gern mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', ich würd auch manchmal morgens Brötchen holen.“ Manchmal ist ein Reim eben auch um des Reimes Willen vonnöten.

AnnenMayKantereit setzen auf Eigenkompositionen, können aber auch Klassiker wie „Sunny“, der das Max urplötzlich in eine Disco der achtziger Jahre verwandelt. Dann gibt es plötzlich und unerwartet einen Seitenhieb gegen die Smartphone-Generation. „Es ist kein schönes Gefühl, bei einem Liebeslied gefilmt zu werden“, sagt Henning May und lächelt provokant charmant in die ihm entgegen gereckten Handys. „Den Scheiß guckst du dir sowieso nie wieder an.“

Dann lieber: Bier trinken und tanzen, und zwischendurch ein Schluck Wasser. Das ist die simple Empfehlung der Band, deren Programm nach einer Stunde endet. Wenn da nicht die Zugaben wären. Darunter unvermeidlich: „Barfuß am Klavier“, zelebriert allerdings beschuht. „Willst du nicht länger bleiben...“, singt Henning May schlussendlich. Das Publikum will. Doch die Band geht.


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